Istanbul oder Kostantiniyye? Unrühmliches Vorspiel zur Bosporus-Biennale 2017.

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Von Heinz Gstrein

Istanbul ist trotz gesamttürkischer Re-Islamisierung bemüht, seinen
Ruf als europäische Kulturstadt zu verteidigen. So wurde Anfang Januar
bekannt, dass die diesjährige, 15. Bosporus-Biennale dem Künstler-Duo
Michael Elmgreen und Ingar Dragset gewidmet sein wird. Die beiden
Bildhauer, Installatoren und Theatermacher sind auch bei uns seit der
Berliner Biennale von 1998 und weiter mit dem Preis des Museums für
Gegenwart – Hamburger Bahnhof Berlin von 2002 anerkannt.

Weniger geschätzt wird vor Ort der in Istanbul schaffende kurdische
Bildhauer Ahmet Günestekin. Um den – heute unter Erdogan bedrohten –
multikulturellen Charakter der Stadt künstlerisch zu repräsentieren,
schuf er eine fünf Meter hohe Plastik aus bemaltem Metall mit den
Symbolen und Namen all der Völker und Kulturen, die in den letzten
2500 Jahren Istanbul zu dem gemacht haben, was es heute – noch – ist:
Phönizier, Griechen, Römer, Armenier, Bulgaren, Türken, Juden,
Albaner, Georgier, Kurden, Araber, Russen und zuletzt – ab dem 19,
Jahrhundert – auch Österreicher, Deutsche, Franzosen und Italiener.
Die Verwendung der verschiedenen Originalschriften, Altsemitisch und
Altgriechisch, Lateinisch, orientalische und slawische Kalligrafie,
verleihen dem Kunstwerk bunte Faszination. Es hat bereits in Venedig
und New York Beachtung gefunden, ja Bewunderung ausgelöst.

Um sich dem chronischen Namensstreit „Istanbul oder Konstantinopel“ zu
entziehen, der in den 1950er Jahren sogar einen Schlager von Caterina
Valente inspiriert hatte, nannte Günestekin seine Skulptur
„Kostantiniyye“. So hatten die Araber Konstantinopel bezeichnet, als
sie im 7. Jh. seine Mauern berannten. Diese Bezeichnung übernahmen
nach der türkischen Eroberung von 1453 die Osmanen-Sultane als
amtlichen Namen der Stadt in allen ihren Dokumenten bis 1922. Im
Volksmund setzte sich hingegen „Stambul“ durch, das ebenso wie das
heutige „Istanbul“ vom griechischen „stin Poli“ (in die Stadt)
abgeleitet ist.

Einem türkischen Regime, das unter Erdogan die Abkehr vom türkischen
Europäisierer Kemal Atatürk und Rückwendung zum Osmanentum propagiert,
hätte das Monumentalwerk „Kostantiniyye“ eigentlich gefallen müssen.
Stattdessen passte es den Machthabern als vermeintliche
Infragestellung des angeblich urtürkischen Stadtnamens Istanbul gar
nicht in den Kram. Was zeigt, dass der ganze Neo-Osmanismus nur
politische Zweckideologie ist, die sich um wahre Werte osmanischer
Größe einen Dreck schert.

Jedenfalls musste Ahmet Riza Demircan, Istanbuls
Distrikts-Bürgermeister von Beyoglu, wo auch Günestekin sein Atelier
hat, eine für Oktober 2016 angesetzte Ausstellung von „Kostantiniyye“
auf höhere Weisung aus Ankara absagen. Inzwischen ist Demircan selbst
abgesetzt und steht als Erdogan-Gegner vor dem „Nationalen
Sicherheits-Gerichtshof“.

Dennoch wagte es das renommierte Einkaufszentrum „Demirören“, das
Mahnmal für ein nicht nur türk-muslimisches Istanbul am Höhepunkt des
Neujahrsgeschäftes an seinem Portal aufzustellen. Sofort sammelte sich
ein Islamisten-Mob, der das Kunstwerk mit Unrat und Steinen bewarf,
auch die Scheiben der Auslagen einzuschlagen begann. Die Polizei
stellte sich auf die Seite des neo-osmanischen Lumpengesindels. Echte
Osmanen würden es als „esek türk“ bezeichnet haben, „ungebildete
Türken-Esel“. Doch mussten „Demirören“ und Günestekin nachgeben. Sie
bauten das Kunstwerk ab und verpackten es in Kisten. Der Künstler
hofft nun, anderswo mehr Verständnis als in einer Stadt zu finden, die
sich nach wie vor ihrer Biennale rühmt.

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