Attentat Kairo: Bekennertod beim Kommunionempfang Höhepunkt einer langen Leidensgeschichte der Kopten

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von Heinz Gstrein                                       

Kairo. In der Seitenkirche Butrosia an der koptischen Patriarchenkathedrale zum hl. Markus in Kairo standen am  Sonntag, den 11. Dezember um 13 Uhr Männer, Frauen und Kinder eben zum Empfang der hl. Kommunion bereit, als durch das Seitenfenster vom Ramses-Boulevard eine Bombe geworfen wurde. Mit verheerenden Folgen: Die letzten Angaben sprechen von 27 Toten und 65 Schwerverletzten. Patriarch Tawadrios II., der sonst dort die Sonntagspredigt zu halten pflegt, entging dem Anschlag: Er hielt sich bei der Orthodoxen Kirche von Griechenland zu Besuch auf. Sofort flog er aber von Athen zurück und leitete am Montag die Trauerfeierlichkeiten.

Wie er in seiner Grabrede betonte, handelt es sich um die schlimmste christenfeindliche Bluttat in Ägypten seit Menschengedenken. Nicht einmal beim Aufstand Muslim-Brüder im Winter 1951/52 und dann wieder 2012/13 während ihrer Herrschaft am Nil im Gefolge des Arabischen Frühlings hatte es einen so abgefeimten und folgenschweren Anschlag gegeben. Der Patriarch erklärte die Toten der Butrosia zu Märtyrern, wie er das schon 2015 bei den in Libyen von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ermordeten Kopten getan hatte.

Die ägyptischen Behörden mit Präsident Abdelfattah al-Sisi an der Spitze haben sofort ihr Beileid ausgesprochen und ihren Abscheu bekundet. Doch liegt auf der Hand, dass sie den neuen IS-Terror am Nil noch längst nicht so im Griff haben wie ihnen das mit den Stadt-Guerillas der Muslim-Brüder nach ihrem Sturz im Sommer 2013 gelungen war. Dann wurde es in den letzten zwei Jahren endlich ruhig. Das Warnsignal der Ermordung von zwei entführten koptischen Priestern am Sinai durch den IS im letzten Herbst wurde zu wenig beachtet.

Vorausgegangen waren über 40 Jahre gewaltsame Ausschreitungen militanter Muslime und Schikanen einer selbst politislamisch ausgerichteten Obrigkeit. Dabei schien Ägypten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Musterland für gutes Zusammenleben einer Muslimmehrheit mit ihrer christlichen Minderheit zu sein: Die mehrheitlich koptischen Christen beteiligten sich am Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft, waren in der nationalistischen Wafd-Partei führend vertreten, saßen stark im Parlament, stellten Minister und einige Male sogar ägyptische Ministerpräsidenten.

Erste Ausschreitungen (angezündete Kirchen, gekreuzigte Christen) gab es erst im Winter 1951/52, als die Muslim-Brüder die Macht zu ergreifen suchten. Der Militärputsch von Abdel Nasser kam ihnen zuvor. Unter seiner fast 20jährigen Herrschaft (gest. 1970) wurden der politische Islam entmachtet und die einheimischen orthodoxen Christen gefördert. Evangelische und katholische Christen sahen sich hingegen als Kollaborateure des Kolonialismus verdächtig und dementsprechend schlecht behandelt (Enteignungen, Gemeinde-Auflösungen). Die Kopten spielten in Nassers Arabischem Sozialismus (wie überall in der arabischen Linken auch syrische, libanesische und irakische Christen) eine wichtige Rolle, Nassers Chefideologe Kamal Ramzi Stino war orthodoxer Kopte.

1968 wurde die neue koptische Kathedrale in Kairo eingeweiht, die alle umliegenden Moscheen überragte: einmalig in der islamischen Welt. Sie ist seitdem radikalen Muslimen ein Dorn im Aug. Aber selbst unter Muslim-Brüder-Präsident Muhammad Mursi vor vier Jahren war es nur zudrohenden Demonstrationen vor der Kathedrale und ihrer Seitenkirche Butrosia gekommen. Dort befindet sich auch die Familiengruft der koptischen Politikerfamilie Butros Ghali. Ihr letzter Sproß war der UN-Generalsekretär von 1992 bis 1996 Butros Butros Ghali. Nach seinem Tod im Februar 2016 wurde auch er in der Butrosia beigesetzt.

Auf Nasser folgte jedoch der alte Muslim-Bruder Anwar as-Sadat (1970-1981). Als Friedensstifter mit Israel hat er in aller Welt noch immer einen guten Ruf, zu wenig ist über ihn als Feind der ägyptischen Christen bekannt: Er machte in der neuen Verfassung von 1972 das islamische Religionsgesetz Scharia wieder zur staatlichen Rechtsquelle, befreite die Muslim-Brüder aus den Gefängnissen und löste eine Gewaltwelle gegen Ägyptens Christen aus: Im Dezember 1972 wurde im Norden Kairos die Kirche von Chanka als erste einer nun folgenden Reihe von christlichen Gotteshäusern angezündet.

Diese Entwicklung setzte sich unter Präsident Mubarak (1981-2011) und auch während der Revolution des „Arabischen Frühlings“ fort. Der islamistische Terror gegen die Christen erreichte unter der Herrschaft der Muslim-Brüder (2012/13) einen wie es damals schien unüberbietbaren Höhepunkt.

Auch das folgende, von den Kopten ausdrücklich unterstützte Militärregime von General Sissi brauchte ein gutes Jahr, um antichristliche Terrorakte aus dem Untergrund der entmachteten Muslim-Brüder abzustellen.

Seit 2015 herrschte dann am Nil Ruhe, was die Christen betraf. Der Schein jedoch war trügerisch: Außerhalb der großen Städte Kairo oder Alexandria ging der Islamistenterror vor allem in Oberägypten weiter. Unter neuer Führung und Radikalisierung durch den Islamischen Staat. Jetzt hat der auch im Herzen der Hauptstadt und der koptischen Kirche so blutig zugeschlagen.

Öki

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