Ein „Fall Odessa“ gegen Patriarch Bartholomaios I. Interorthodoxes Intrigenspiel um Autokephalie der Ukraine

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Von Heinz Gstrein

Istanbul. Mit zunehmender Verschärfung der Gegensätze zwischen Kreml und Washington im Syrienkonflikt und anderen Bereichen mehren sich auch Vorwürfe aus der Russischen Orthodoxen Kirche gegen den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., von politischer und finanzieller Unterstützung Washingtons für den Phanar und damit von US-Weisungen abhängig zu sein.

Derartige Behauptungen tauchten erstmals im Vorfeld des orthodoxen Konzils von Kreta im Juni auf. Sofort, nachdem dessen Organisation der Griechisch-Orthodoxen Erzdiözese von Amerika in New York anvertraut wurde, war in Moskau von „amerikanischen Einflussagenten hinter dem Konzil“ die Rede. Der sich als „orthodox“ bezeichnenden Sender „Zargrad TV“ (deutsch: Kaiserstadt, gemeint Konstantinopel) wies darauf hin, „es sei ja kaum ein Zufall, dass ein griechischer Priester aus den USA, Alexander Karloutsos, der zum Organisationskomitee des Konzils gehört, ein Nachbar des US-Milliardärs George Soros sei und gute Beziehungen zu Hillary Clinton unterhalte.“

„Zargrad“ wurde 2015 vom Putin-treuen Oligarchen Konstantin Malofejev gegründet. Der erst 39jährige Chef des russischen Investmentfonds „Marshall-Capital“ outet sich über den Sender als „orthodoxer Monarchist“, und will die postkommunistische „Russländische Föderation“ zum „Rechtsnachfolger des Zarenimperiums“ erklären. Kirchenpolitisch unterstützt der Oligarch einen Führungswechsel in der orthodoxen Kirchenfamilie zugunsten des Moskauer anstelle des Ökumenischen Patriarchen.

Weitere, noch hinterhältigere Vorwürfe gegen diesen verbreitete Ende August das russische Kirchenportal „pravoslavie.ru“. Es unterstellte Bartholomaios I., im Einvernehmen mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA in den türkischen Umsturzversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan vom 15. Juli verwickelt gewesen zu sein.

Kaum sind diese für den Ökumenischen Patriarchen bedrohlichen Behauptungen widerlegt, meldet sich Anfang Oktober aus Kiew Presseamtsleiter Vasily Semjonovitsch Anesimov von der moskautreuen autonomen Ukrainischen Orthodoxen Kirche mit einer neuen schweren Anschuldigung zu Wort: Bartholomaios lasse sich seine Haltung zur Jurisdiktionsfrage in der Ukraine von der US-Diplomatie diktieren.

Anisimov – der nicht mit dem gleichnamigen, in der Schweiz lebenden Milliardär zu verwechseln ist – greift dabei weit auf angebliche Vorgänge vom Herbst 1997 in Odessa zurück. Er bezieht sich „auf ein Treffen des damaligen russischen Patriarchen Aleksij II. mit Bartholomaios und Ilija II.“ Es sei geplant gewesen, dass die drei Patriarchen eine gemeinsame Erklärung zur Bekräftigung der alleinigen kirchlichen Zuständigkeit der Russischen Orthodoxen Kirche in der Ukraine mit Verurteilung des abgespaltenen „Kiewer Patriarchats“ unterzeichnen und anschließend auf einer Pressekonferenz bekanntgeben. Doch habe der damalige US-Botschafter in Kiew, William Green Miller, den Ökumenischen Patriarchen angerufen und „in einer zynischen und Bartholomaios demütigenden Form“ dessen Verzicht auf diese Positionierung befohlen. Der Diplomat soll darauf hingewiesen haben, dass der Phanar ohne die Amerikaner nicht überleben könne, diese wiederum das antirussische Kiewer Patriarchat unterstützen. «Mit einem einzigen Anruf verhinderten die USA die Überwindung des Kirchenschismas!“, behauptet heute nach 19 Jahren plötzlich Vasily S. Anisimow.

Journalisten, die damals Patriarch Bartholomaios I. auf seiner in erster Linie dem Umweltschutz gewidmeten Schiffsreise rund ums Schwarze Meer begleitet haben, erinnern sich an keine derartigen Ereignisse oder auch nur Anzeichen dafür. Patriarch Ilia II. war schon im georgischen Batumi an Bord gekommen, die Landung in Noworossijsk galt dem dortigen Erdölterminal und seinen ökologischen Auswirkungen. Auf der Krim hingegen kam es anschließend zu spontanen Jubelkundgebungen von zahlreichen orthodoxen Gläubigen samt ihren Priestern. Sie begrüßten Bartholomaios als „unseren Patriarchen!“

Danach schien in Frage gestellt, ob es überhaupt zur in Odessa geplanten Zusammenkunft mit dem Moskauer Patriarchen Aleskij II. kommen werde. Beide hatten sich zuletzt Ende September 1995 auf Patmos getroffen und dabei ihre Meinungsverschiedenheiten wegen der Jurisdiktion über Estland hintangestellt. Die Begegnung von Odessa kam doch zustande, verlief aber in unterkühlter Atmosphäre. Bartholomaios hatte schon am Vorabend an der Schiffstafel durchblicken lassen, dass er nun massiven Druck seines russischen Amtsbruders in Sachen Ukraine befürchte. Nach dem ersten Gespräch der beiden Patriarchen unter vier Augen zeigte sich der Ökumenische Patriarch recht niedergeschlagen: „Wer weiß von meinem Martyrium!“, flüsterte er in der Dreifaltigkeitskirche am Kenotaph seines 1821 in Istanbul gehängten Vorgängers Gregorios V., dessen sterbliche Überreste nach Odessa gelangt waren, bevor sie 1871 endgültig in Athen beigesetzt wurden. Die Abendveranstaltung im Priesterseminar am Maria-Himmelfahrtskloster verlief distanziert, es war allen klar, dass Bartholomaios dem Drängen von Aleksij nach einseitiger Festlegung im Ukraine-Disput nicht nachgegeben hatte. Er ließ sich vielmehr alle Optionen offen, wie das bis heute der Fall ist.

Vasily S. Anisimov, der sich jetzt als Enthüllungsjournalist des angeblichen „US-Diktats von Odessa“ vordrängt, ist in dieser Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt: 1959 bei Tscherkassy am Don geboren wurde in seiner Jugend noch von der Kommunistischen Jugend Konsomol geprägt, für die er auch frühe journalistische Arbeit leistete. Bald nach der Wende tat er sich in den frühen 1990er Jahren als scharfer Gegner einer Verselbständigung der ukrainischen Orthodoxie vom Patriarchat Moskau hervor. Er machte dann aber im politisch-wirtschaftlichen Journalismus Karriere. Doch nach dem russischen Machtwechsel zu Putin wurde Anisimov 2001/2002 überraschend in Kiew an die Spitze des Presseamtes der Moskau ergebenen „autonomen Kirche“ katapultiert. Sonst ist es üblich, dass dieses Amt von einem auch theologisch gebildeten Geistlichen ausgeübt wird.

Der schnurrbärtige Altkomsomolze fungiert hingegen seitdem als rein politischer Agitator im Kremlinteresse. Er bekämpfte die „Orange Revolution“ von 2004 ebenso wie den prowestlichen Präsidenten Viktor Juschtschenko. Noch 2012 wandte er sich gegen das „rechtsradikale Nationalistentrio aus Julia Timoschenko, dem griechisch-katholischen Kardinal Lubomir Husar    und dem mit Moskauer Bannfluch belegten Kiewer Patriarchen Filaret Denisenko“. Während der „Maidan“-Proteste von 2014 warf Anisimov den mit Rom unierten ukrainischen Ostkatholiken vor, dort „revolutionäre“ Gebetstexte verteilt zu haben. Als die Kiewer Rada (Parlament) im Juni 2016 an den Ökumenischen Patriarchen mit der Bitte herantrat, der ukrainischen Orthodoxie die kirchliche Unabhängigkeit (Autokephalie) zu verleihen, rief Anisimov die Staatsanwaltschaft zur Bestrafung der Abgeordneten an.

In all diesen Fällen wie auch bei der neuesten Attacke gegen Patriarch Bartholomaios I. wegen angeblicher US-Hörigkeit bediente sich der ukrainische Kirchensprecher ein- und desselben Verbreitungsweges: Er verkündet seine Tiraden zunächst nicht etwa in Kiew, sondern über den russischen Privatsender „Radio Radonezh“, der 1992 mit dem Segen von Patriarch Aleksij II. ins Leben gerufen wurde. Dann übernimmt die Nachfolgerin der sowjetischen TASS, die russische Agentur Interfax, diese Auslassungen in ihrem Dienst „Religion“. Dadurch erhalten sie einen offiziösen Moskauer Anstrich, was auch westliche Agenturen verleitet, die Behauptungen von Anisimov ungeprüft weiter zu verbreiten. So auch beim letzten „Fall Odessa“ zu Lasten des Ökumenischen Patriarchen.

Dieser hat dem Vernehmen nach auf diese Anschuldigung mit Empörung und Abscheu reagiert. Ihm nahestehende Kreise des Phanar bringen die neueste russische Attacke mit zwei Faktoren in Zusammenhang: Erstens wolle das Moskauer Patriarchat von der eigenen Belastung durch den Vorwurf seiner Staats- und besonders Putin-Nähe ablenken. Zweitens wird demnächst – angekündigt schon für Ende September – die Antwort Konstantinopels auf die Autokephalie-Bitte der  ukrainischen Rada erwartet. Anisimov versucht diese schon im voraus mit dem Verdacht zu entwerten, dass es sich dabei um keinen freien Entscheid der gesamtorthodoxen Höchstinstanz, des Ökumenischen Patriarchats, sondern um einen im US-State Department vorgefassten Beschluss handeln wird.

πηγή öki

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