Ein Blutbad signalisiert Umbruch

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In Syrien bilden sich völlig neue Koalitionen

Von Heinz Gstrein

Zu nahe der Grenze liegt die türkische Pistazienstadt Antep. Eigentlich sollte sie zu Syrien gehören, war diesem auch im Frieden von Sèvres 1920 zugesprochen. Denn dort lebten von einer osmanischen Oberschicht, Beamten und Militärs abgesehen fast nur Araber, die Umgebung war Kurdisch. Doch 1921 eroberten Freischärler des türkischen Nationalisten Sahin Bey die Stadt. Seitdem wird sie ihm zu Ehren Gaziantep genannt, das „Antep des Helden“.

Antep des Blutbads müsste sie eigentlich seit diesem Samstagabend heißen, seit ein jugendlicher Selbstmordbomber zumindest 50 Gäste einer Kurdenhochzeit mit sich in den Tod riss und weitere 100 schwerverletzt ins Spital schickte. Machthaber Recep Tayyip Erdogan macht dafür persönlich die Terrormiliz Islamischer Staat IS verantwortlich – Menschenrechts-Beobachter sehen hingegen den türkischen Geheimdienst MIT am Werk – oder auch beide, da sie ja unter einer Decke stecken. Der Mann, von dem das aufgedeckt wurde, Chefredakteur Can Dündar, war deswegen eingesperrt und vor den Kadi gezerrt. Jetzt ist er von der Leitung des führenden Oppsitionsblattes Cümhüriyet (Republik) zurückgetreten und ins Ausland geflüchtet: „In dieser Erdogan-Diktatur lässt sich keine freie Zeitung mehr machen!“

Es ist nicht das erste Mal, dass antikurdischer Terror von Syrien herüber in die Südtürkei zuschlägt. Diesmal jedoch vor dem Hintergrund eines totalen Kurswechsels der Türkei angesichts des Bürgerkriegs im südlichen Nachbarland: Nach seinem 180prozentigen Umfaller vor den lang geradezu hysterisch angefeindeten Israelis und Russen biedert sich Erdogan nun auch seinem erklärten Todfeind Baschar al-Assad an. Vorerst noch nicht selbst, sondern aus dem Mund seines Herolds, Regierungschef Binali Yildirim. Dieser erklärt die Kurden und nicht länger das syrische Regime zur Hauptgefahr für die Türkei – womit er gar nicht so unrecht hat. Nur glaubte Erdogan auf der Welle des zur Islamrevolution entarteten Arabischen Frühlings einfach Assad – wie am Nil zunächst einen Mubarak – hinwegfegen zu können und sich im Rücken der Kurden arabische Gefolgschaft zu sichern; so weit nur einst das von ihm wiederbeschworene Osmanische Reich gereicht hat.

Diese Kalifenträume sind inzwischen zerstoben und Erdogan muss froh sein, wenn ihm die Türkei erhalten bleibt. Dafür ist nun Assad keine Gefahr mehr: im Gegenteil ein autoritärer Wahlverwandter. Yildirim bezeichnet den Diktator in Damaskus bereits als „Tatsache, ob man das will oder nicht“. Allerdings will sich Ankara mit diesem neuerlichen Frontwechsel einige Monate Zeit lassen.

Die Folgen für Syriens Kurden lassen aber nicht auf sich warten. Seit Ende letzter Woche fliegt die syrische Luftwaffe Einsätze gegen kurdische YPG-Stellungen im östlichen Hassaka. All das scheint überhaupt kein Alleingang Ankara-Damaskus gegen die Kurdengefahr zu sein. Vielmehr ein auch mit Russland und der Islamischen Republik Iran abgekartetes Spiel: So unergiebig die Reise Erdogans zu Putin nach St. Petersburg und die gegenseitigen iranisch-türkischen Außenministerbesuche zunächst schienen, dürften sie doch insgeheim einer neuen Syrien-Konstellation gegolten haben. Mit Kurden und dem Westen als Leitragenden, Assad, Erdogan, Putin und Rohani als Tagesgewinnern, doch dem Islamischen Staat als wahrem Nutznießer!

 

πηγή  RNZ

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