Hannes Harwanegg der Hartnäckige

Harwanegg und sein Vater (5)

 

Sohn eines Griechen gab bei der Suche niemals auf

Von Heinz Gstrein

Im Volksheim der SPÖ auf dem Laaer Berg ist die Welt des „Roten Wien“ noch in Ordnung. Jene sozialdemokratischer Solidarität an der Basis, wo man sich noch mit „Freundschaft“ grüßt und als „Genossen“ anredet, wo jeder jeden kennt und jedem hilft. Wo die Kluft zur neuen Klasse der „Sozis im Nadelstreif“ wächst und Österreichs Rechtspopulisten noch keine Chance für Stimmenfang haben.

Treibende und beharrende Kraft für das alles ist Hannes Volkmar Harwanegg, Sohn eines griechischen KZ-Häftlings in einem Außenlager von Mauthausen, langjähriger SP-Landtagsabgeordneter und Gemeinderat in seiner Heimatstadt. Dem Rathaus hat er zuletzt aus formellen Altersgründen Adieu gesagt. Ganz jugendlich ist er aber weiter „Vorarbeiter“ der Partei-Sektion 27, imformiert die Vertrauensleute über wichtige Entwicklungen in Österreich, EU und Internationale, hält Sprechstunden für Rat- und Hilfsbedürftige, bereitet gerade jetzt wieder das traditionelle Sommerfest der SPÖ-Favoriten im „Sonnenland Laaerberg“ am 27. August vor.

Dem freundlichen Harwanegg ist auf den ersten Blick gar nicht anzusehen, was für eine hartnäckiger Genosse er in wichtigen Belangen sein kann. Das hat er bei der Aufdeckung des Riesenskandals bei der Bank für Arbeit und Wirtschaft bewiesen. Vor allem jedoch mit der jahrelangen, zähen Suche nach seinem Vater, den er 2006 als 86jährigen im vlachischen Sommerdorf Samarina hoch im Pindos in die Arme schließen konnte. Die Griechenland-Zeitung hat damals davon berichtet.

Danach waren Hannes Harwanegg noch sechs Jahre regelmäßigen Beisammenseins mit seinem „Patera“ vergönnt. Es sagt heute rückblickend: „Im Dezember 2011 starb mein Vater schließlich mit 92 Jahren in Thessaloniki. Ich war sehr dankbar, dass ich sechs Jahre mit ihm verbringen durfte, es war für mich eine ganz tolle Zeit. Ich bin sehr froh, dass ich all die Mühen auf mich genommen habe, um Nachforschungen anzustellen.“

Damit verbindet der Wiener Kommunalpolitiker seinen Rat: „Das kann ich nur all jenen empfehlen, die auf der Suche nach ihrer familiären Herkunft sind. Kinder haben das Recht zu erfahren, wer ihre Mutter und wer ihr Vater ist.“

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Harwaneggs Vater, Georgios Pitenis, wurde April 1919 in Kozani geboren. Im Zweiten Weltkrieg war sein Vater im Widerstand gegen die deutschen Besatzer bei den Partisanen aktiv. Damals geschah gerade in Nordgriechenland Furchtbares. Daran waren auch Österreicher beteiligt. Das 26. Jägerregiment, eigentlich eine Einheit aus Bayern, aber mit vielen Österreichern, hat dort Gräueltaten begangen. Während der Besuche bei seinem Vater wurde Hannes allzu oft auf die furchtbaren Vorfälle angesprochen; „Unvorstellbares ist passiert, werdenden Müttern wurde der Fötus herausgeschnitten und vieles mehr. Hierauf möchte ich gar nicht näher eingehen. Es ist einfach unfassbar, furchtbar und unmenschlich. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass deutsche und österreichische Soldaten so etwas getan haben!“

Auf Grund des damals von den Nazi-Organen am Balkan verhängten Sippenhaftung wurde Georgios Pitenis als „Partisanensohn“ 1942 in Athen verhaftet und in ein Außenlager des berüchtigten KZ Mauthausen „abtransportiert“. Es lag mitten in Wien im XX. Bezirk. Seine Häftlinge wurden zu Arbeitseinsätzen in der Rüstungsindustrie und gegen Kriegsende bis ins Leithagebirge zum Bau einer letzten Verteidigungslinie an der damaligen Reichsgrenze weggekarrt. So konnten sie nicht so streng und lückenlos wie in einem geschlossenen KZ beaufsichtigt werden. „Das gab dem jungen Gefangenen Gelegenheit zur Bekanntschaft mit meiner Mutter“, erzählt im Volksheim Harwanegg: „Sie wohnte bei ihren Eltern in der Klosterneuburgerstraße. Sie verliebten sich und gingen eine Beziehung ein, die – wenn sie bekannt geworden wäre – für beide dramatische Folgen gehabt hätte. Mein Vater wäre sofort ins Hauptlager nach Mauthausen gekommen, und meine Mutter wäre sicherlich eingesperrt worden, weil Beziehungen mit Häftlingen und Zwangsarbeitern streng verboten waren. Doch meine Mutter und mein Vater schafften es, ihre große Liebe geheim zu halten. Daraus entstand ich. Im August 1944 kam ich zur Welt.“

Die Beziehung endete jedoch nach Kriegsende überraschend von heute auf morgen. Pitanis wurde mit rund 20 000 anderen „Fremden“ sofort nach Griechenland abgeschoben. Da Wien schwer zerbombt war und es große Probleme in der Versorgung der Bevlökerung gab, hat man alle überflüssigen Esser sofort in ihre Heimatländer zurückgeschickt.

Das hatte zur Folge, dass mein Vater sich nicht einmal von meiner Mutter und von mir verabschieden konnte. Er versuchte später, wieder einzureisen. Das war aber nicht möglich, da der XX. Bezirk zur sowjetischen Besatzungszone gehörte. Erst nach Österreichs Befreiung 1955 unternahm er einen erneuten Einreiseversuch, aber da war familiär leider einiges verändert.“

Harwaneggs Mutter hatte einen neuen Partner kennengelernt. Sie wünschte, für ihn und inzwischen weitere drei Geschwister wieder einen Mann an ihrer Seite haben. Daher wollte sie die Beziehung mit dem Vater von Hannes nicht mehr aufrechterhalten und hat dessen sämtliche Briefe, auch die an seinen Sohn, zurückgehalten und alle Kontaktversuche energisch abgelehnt.

Wegen der damals noch sehr schwarzen Haare und Augenbraucn und seines ganzen südländischen Typs wurde der Kleine aber schon seit frühester Kindheit immer wieder angegangen: „Wer ist denn dein Vater?“ Diese Frage verfolgte ihn über sechs Jahrzehnte, bis sich im Nachlaß seiner Mutter ein leeres Kuvert, doch mit dem Absender fand: Georgios Milos Pitenis, Restaurant Mazedonia. Kozani, Griechenland.

Nun begann die wahre Odyssee einer Suche, die zum Scheitern verurteilt schien. In Griechenland gibt es nämlich kein Meldesystem. Doch seine griechische Kollegin im Wiener Gemeinderat, die heutige Vizebürgermeisterin Maria Vasilakou, brachte Harwanegg mit der Griechischen Botschaft in Verbindung. Diese setzte eine Suchaktion in ganz Griechenland ins Werk.

Ein unbestimmtes, doch anhaltendes Vorgefühl veranlasste Hannes Vokmar, den nächsten Urlaub am griechischen Korfu zu verbingen. Dort erhielt er die Nachricht: „Vater gefunden. Lebt nur 250 km entfernt.“ Allerdings über Stock und Stein 2000 m hoch im Pindos-Gebirge. Dort erfüllte sich der Lebenswunsch des verloren gegangenen Sohnes!

Nach diesem Besuch verbrachte ich die folgenden Urlaube so oft es ging bei meinem Vater. Häufig flog ich auch hin, wenn er krank war und ins Spital musste…Jedenfalls blieb der intensive Kontakt bis zu seinem Tod 2011 bestehen. Immer wieder fanden in Griechenland Familientreffen statt. Leider konnte mein Vater aus gesundheitlichen Gründen meinen Wunsch, mich in Wien zu besuchen, nicht mehr erfüllen.“

Er wäre dort sogar von Bürgermeister Michael Häupl empfangen worden, dem sein Gemeinderat die Geschichte erzählt hatte. „Seitdem nennt er mich Grieche.“

Häupl hatte angekündigt, den ehemaligen KZ-Häftling durch einen besonderen Preis zu ehren, einen goldenen Rathausmann. Harwanegg überbrachte ihn zusammen mit einem Brief des Wiener Bürgermeisters, worüber sich Georgios Pitanis vor seinem Tod mit 92 Jahren sehr gefreut hat.

Sein ganzes Leben hatte Hannes Volkmar Harwanegg die Frage nach seiner Herkunft, nach seinem Vater beschäftigt und nie losgelassen. Schließlich bekam er mit 62 Jahren Erfolg. „Das zeigt uns, dass man im Leben Ziele nie zu früh aufgeben darf, sie ohne jede Hoffnung und oft quälend lang weiterverfolgen soll. Die späte Suche nach meinem Vater ist ein Beweis dafür!“

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