Wessen „Kanonisches Territorium“ ist die Ukraine?

2013-12-16-ArchJobInaug

 

Anschluss von Kiew 1686 ans Patriarchat Moskau für 120 Zobelpelze

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Im laufenden Schlagabtausch zwischen den Patriarchaten von Konstantinopel und Moskau um die kirchliche Zukunft der Ukraine hat sich erneut aus der Sicht von Patriarch Bartholomaios I. dessen Sprecher Erzbischof Job Getcha zu Wort gemeldet: Das Ökumenische Patriarchat beabsichtige nicht, eine eigene Jurisdiktion in der Ukraine – wie bereits unter den Auslandsukrainern – zu errichten. Das würde den Spaltungen in der ukrainischen Orthodoxie nur eine weitere hinzufügen: „Einzige Ziele von Konstantinopel sind kirchlicher Frieden und Einheit in der Ukraine.“ Bartholomaios sei  – so Erzbischof Iob – bereit, die ukrainische Kirchenspaltung zu heilen, wie er das eben in Tschechien und der Slowakei getan hatte. Dort war nach mehrjährigem Schisma durch den Ökumenischen Patriarchen die von ihm 1998 gewährte Autokephalie bekräftigt, aber auch die führende Rolle der russophilen Kirchenpartei bestätigt worden. Eine analoge Lösung würde in der Ukraine ihre kirchliche Loslösung von Moskau, doch weitere Führung durch die prorussische, bisher nur autonome Ukrainische Orthodoxe Kirche bedeuten.

Erzbischof Job aus der ukrainischen Diapora in Canada hatte Bartholomaios I. Ende Juli in Kiew beim Festtag des ersten orthodoxen Großfürsten Wladimir vertreten, der 988 die so genannte „Taufe Russlands“ vollzogen hatte. In einem Interview mit der Ukrainischen Nachrichten-Agentur Ukrinform bezeichnete er die Ukraine als „kanonisches Territorium“ (Jurisdiktionsgebiet) des Ökumenischen Patriarchen, der dieses nie aufgegeben hätte. Auf dieser Grundlage habe Konstantinopel auch 1924 der Polnischen Orthodoxen Kirche die Autokephalie gewährt, als sich das Polen der Zwischenkriegszeit über weite Teile des Kiewer Metropolitansprengels erstreckte. Und Erzbischof Job stellte die Frage: „Warum sollte das Ökumenische Patriarchat nicht heute der Ukraine das gewähren, was es in den 1920er Jahren Polen nicht vorenthielt?“ Bartholomaios habe stets festgehalten, dass Konstantinopel die Mutterkirche der Ukraine war, ist und bleibt. Er sei der geistliche Vater der Ukrainerinnen und Ukrainer. Daher könne ihm die Kirchenspaltung in der Ukraine nicht gleichgültig sein.

Diese Aussagen riefen Anfang August Widerspruch aus dem Moskauer Patriarchat hervor. Der Stellvertretende Leiter von dessen kirchlichem Außenamt, Erzpriester Nikolaj Balaschow, stellte in Frage, ob der kirchenrechtlich wohl bewanderte Erzbischof Job tatsächlich solche „Ungereimtheiten“ von sich gegeben habe. Es handle sich sichtlich um „journalistische Phantastereien“. Denn – so Balaschow: „Vergessen wir nicht, dass 1686 die Kiewer Metropolie mit Unterschrift des Ökumenischen Patriarchen Dionysios IV. unter die Gewalt des Moskauer Patriarchen gestellt wurde, was alle orthodoxen Patriarchen anerkannten und im weiteren Verlauf der Jahrhunderte nie angezweifelt wurde“.

Beim fraglichen Patriarchen Dionysios IV. Muselimis, der zwischen 1671 und 1694 fünf mal an der Spitze des Ökumenischen Patriarchates stand, handelt es sich um eine kirchenpolitisch schon zu Lebzeiten umstrittene, als Verteidiger der Orthodoxie gegen calvinistische Einflüsse jedoch allgemein angesehene Persönlichkeit. In keiner seiner griechischen Würdigungen ist jedoch von einer Abtretung der Metropolie Kiew an das Moskauer Patriarchat die Rede. Auch haben nicht „alle orthodoxen Patriarchen“ eine solche anerkannt: Patriarch Dositheos II. Notaras (1669-1707) lehnte sie sogar ausdrücklich ab, weil das dem orthodoxen Kirchenrecht zuwider laufe. Auch die letzten Kiewer Ordinarien unter Konstantinopel waren entschiedene Gegner jeder Unterstellung unter Moskau. So der gelehrte Weißrusse Silvester Kossaw (1647-57) oder Metropolitanverweser  Lazar Baranowytsch (1670-85), sonst ein erklärter Verteidiger der Orthodoxie gegen abendländische Einflüsse.

Doch auch die russische Darstellung des Anschlusses der Metropolie Kiew an das Moskauer Patriarchat, wie sie zuletzt 2012 die unter dessen Ägide erschienene „Pravoslavnaja Encyklopedija“ zusammenfasst, wirkt alles andere denn schmeichelhaft: So hatte sich schon 1685 der künftige moskowitische Kiewer Metropolit Gedeon Tschetwertinskij (1686–1690) zusammen mit dem Kosaken-Hetman Iwan Samojlowitsch über einen griechischen Abgesandten an den Ökumenischen Patriarchen Jakovos während dessen zweiter Amtszeit 1685/86 mit dem Ersuchen gewandt, Konstantinopels ukrainische Metropolie in die Jurisdiktion des Moskauer Patriarchen zu übergeben. Jakovos zog sich jedoch mit dem Hinweis aus der Affäre, dies nicht ohne Zustimmung des osmanischen Großwesirs, des Bosniers Sari Süleyman Pascha, tun zu können. Da Moskau keine langen Verhandlungen mit den Osmanen abwarten wollte, weihte der russische Patriarch Ioakim (1674-90) eigenmächtig ohne Zustimmung der Konstantinopler Mutterkirche der Ukraine den ehrgeizigen wolynischen Aristokraten Gedeon zum Metropoliten von Kiew. Darauf entsandte der Moskauer Patriarch im Namen der Co-Zaren Iwan V. und Peter I. eine neue Gesandtschaft in die Türkei, um die Billigung des kirchlichen Anschlusses der Ukraine und die Bestätigung des Metropoliten Gedeon zu erlangen. In Adrianopel, dem heutigen Edirne, trafen sie auf Patriarch Dositheos II. von Jerusalem. Dieser war Moskau eng verbunden, da er eben die Brüder Sophronios und Ioannikios Lichoudis dorthin zur Gründung  einer Theologischen Akademie (Hochschule) entsandt hatte. Dennoch lehnte Dositheos das Ansinnen einer Unterstützung für die Preisgabe der ukrainischen Kirche an die Russen ab. Er beurteilte den Jurisdiktionswechsel als unkanonisch und schlug auch die 200 Goldstücke aus, die ihm die Gesandten für seinen Beistand anboten. Mehr Erfolg hatten diese bei dem ebenfalls in Adrianopel anwesenden Großwesir: Der Blonde (sari) war an guten Beziehungen zu Russland interessiert und erteilte seine Zustimmung. Darauf wandte sich die Gesandtschaft an Dionysios IV. Muselimis, der inzwischen zum vierten Mal Ökumenischer Patriarch geworden war. Dieser kam nach Adrianopel, um seine neuerliche Einsetzung als Patriarch vom Großwesir bestätigen zu lassen und unterfertigte für die Abgesandten Schreiben an die Zaren, den Moskauer Patriarchen, den Hetman und den neuen Kiewer Metropoliten, mit  denen er die Verwaltung der ukrainischen Metropolie an den Patriarchen von Moskau übergab und die Ordination Gedeons bestätigte. Dafür erhielt Muselimis 300 Goldstücke und 120 Zobelpelze! Letztere dürften den Liebhaber prächtiger Gewänder , von denen einige noch am Athos und im Byzantinischen Museum von Athen zu bewundern sind – besonders gefreut haben…

Neustens wird aber auch die Zustimmung des Großwesirs und sogar die Unterschrift von Patriarch Dionysios IV. in Frage gestellt. In der Doktorarbeit „Kiev Metropolitliginin 1686 yilinda Moskova Patrikligine baglanmasina dair yeni kaynaklar ve tarihi celiskiler üzerine bir tetkik“ (Eine Studie zu den neuen Quellen und historischen Widersprüchen hinsichtlich Einbindung der Kiewer Metropolie ins Moskauer Patriarchat von 1686), die in diesem Jahr an der Universität Istanbul approbiert wurde,  kommt Ömer Kul zu dem Schluss: „Es ist bekannt, dass die Verbindung der Metropolie von Kiew mit dem Moskauer Patriarchat unter historisch bisher nicht geklärten Umständen erfolgte…Nach Untersuchung neu erschlossener Quellen erscheint der Unterdrückungsprozess der eigenständigen Kiewer Metropolie durch Moskau noch mysteriöser. Unter diesem Gesichtspunkt stellt ein Vergleich der hier neu erschlossenen Quellen mit den russischen Dokumenten über die Ereignisse von 1686 die Genauigkeit letzterer in Frage.“

πηγή KNA

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