Türkei triftet vom Westen ab Erdogans Antiamerikanismus und Angriffe auf Deutschland

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Von Heinz Gstrein

In der Türkei setzt Recep Tayyip Erdogan seine politische Ausschlachtung des militärischen Umsturzversuches vom 15. Juli fort. Während auf Istanbuls neuem „Verräterfriedhof“ (hainler mezarligi) am Wochenende die ersten Putschisten namenlos verscharrt wurden, war in Ankara der Präsidentenpalast von Bestepe Schauplatz eines prächtigen Staatsaktes zur Heldenehrung von Gefallenen und Verwundeten auf der Regimeseite. Erdogan erwies sich dabei wieder einmal als ebenso gerissener wie mitreißender Redner, vergoß Tränen, schneuzte sich ergriffen und verzieh sogar seinen Beleidigern, die nun nicht vor Gericht und ins Gefängnis müssen. Inzwischen gibt es ja mit dem Aufstand viel schlimmere Vergehen als Präsidentenkarrikaturen und –witze. 

Neben dem diesmal gnädigen Erdogan übernahm sein Premier Binali Yildirim die Rolle des Wüterichs vom Dienst. Diesmal nahm er auch ausländische Hintermänner des Putsches aus Korn, die USA an erster Stelle. Auch Deutschland bekam seinen Teil ab, wobei Erdogan selbst noch einmal kräftig nachlegte: Beide warfen der Bundesrepublik mangelnde Meinungsfreiheit vor, weil sie sich gegen das Ausufern von Pro-Erdogan-Demonstrationen wie am Sonntag in Köln stellt.

Auch die Schließung des zwar türkischen, aber mit NATO und CIA verknüpften Militärflughafens Akinci bei Ankara wurde verlautbart. Am Sonntag flammte dort aber Widerstand gegen die Sperrung auf. Ebenso in der über 200jährigen Marineakademie auf der Insel Chalki, die in ihrem Fortbestand genauso gefährdet ist. 

Yildirim ließ weiter durchblicken, dass es dem direkt westlichen Fliegerhorst Incirlik bald ähnlich ergehen könnte. Beobachter am Bosporus warten jetzt gespannt, wie sich die Selbstisolierung Ankaras von seinen traditionellen Verbündeten bis zum geplanten Treffen Erdogans mit Putin weiter entwickeln wird. Jedenfalls ist am Sonntag überraschend US-Generalstabschef Josoph Dunford als eine Art Krisenfeuerwehr in der Türkei eingetroffen.

Als Vorwand für seine plötzlich antiamerikanische Haltung dient Erdogan der Aufenthalt seines Sündenbocks, des Islamreformers  Fethullah Gülen in den Vereinigten Staaten. Wer Gülen schon näher aus der Zeit kennt, als er noch in der Türkei am asiatischen Ufer des Bosporus lebte, kann ihn nicht für den Drahtzieher von allem und jedem handeln, was ihm jetzt politisch von Erdogan vorgeworfen wird. Dem Schüler des kurdischen Mystikers Said Nursi ist wohl vorzuhalten, dass er dessen Lehre zu stark in Richtung eines Volksislam mit modernistischem Anstrich verwässert hat. Dazu war er mit Schaffung von raiffeisenähnlichen Islambanken, Medienkonzernen in Form von Pressvereinen und einem enormen Privatschulwesen – sie alle wurden ihm von Erdogan in den letzten drei Jahren weggenommen – ein überaus tüchtiger Unternehmer. Verschwörer und Umstürzler – das passt einfach nicht zu Gülen, der sich aber ebensowenig von Erdogans Staatsraison vereinnahmen lässt. Seine Stärke ist – wie schon die des Said Nursi – der gewaltlose Widerstand.

Einen halben Monat nach dem gescheiterten Putch gegen Präsident Erdogan und sein immer autoritäreres Regiment kommt die Türkei aucvh sonst nicht zur Ruhe. Das statt der „verräterischen Streitkräfte“ und teils auch der am Putsch beteiligten Polizei zum „Schutz der Demokratie“ auf die Straßen gerufene „Volk“ ist nicht mehr zu stoppen. Was zu Beginn eine von Erdogan orchestrierte Hassorgie gegen „die Verschwörer“ und Dauerjubelei für den Staatschef war, entfaltet inwischen Eigendynamik. Die „Mobdemokratie“ – wie sie bereits genannt wird – gibt Gelegenheit, ungestraft auch mit ungeliebten Nachbarn, beruflichen Rivalen und Nebenbuhlern jeder Art abzurechnen oder gar aufzuräumen.

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