Erste Kirchen als Opfer von Erdogans Mobdemokratie Eigentliche Gefahr jedoch Kontakte der Christen zu Fethullah Gülen

gulen

Von Heinz Gstrein

Zehn Tage nach dem gescheiterten Umsturzversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein immer autoritäreres Regiment kommt die Türkei einfach nicht zur Ruhe. Das statt der „verräterischen Streitkräfte“ und teils auch der am Putsch beteiligten Polizei zum „Schutz der Demokratie“ auf die Straßen gerufene „Volk“ ist nicht mehr zu stoppen. Was zu Beginn eine von Erdogan orchestrierte Hassorgie gegen „die Verschwörer“ und Dauerjubelei für den Staatschef war, entfaltet inwischen Eigendynamik. Die „Mobdemokratie“ – wie sie bereits genannt wird – gibt Gelegenheit, ungestraft auch mit ungeliebten Nachbarn, beruflichen Rivalen und Nebenbuhlern jeder Art abzurechnen oder gar aufzuräumen.

Zunächst schienen die Christen der Türkei bei diesen Gewaltaktionen noch glimpflich davongekommen zu sein. Das lag aber nur daran, weil eine rigorose Nachrichtenkontrolle alle Meldungen dazu lahmlegt oder zumindest verzögert. Inzwischen ist aber erwiesen, dass zumindest zwei Kirchen in Mitleidenschaft gezogen wurden – noch dazu solche, die gerade in dieser Hinsicht eine tragische Vorgeschichte aufweisen: Die katholische Marienkirche im Schwarzmeerhafen Trabzon hatte schon 1922/23 die Altargeräte der ermordeten bzw. bestenfalls vertriebenen armenischen und griechischen Christen aufbewahrt und vor Entweihung geschützt – 2006 wurde in ihr Pfarrer Andrea Santoro mitten im Gebet erschossen – 2011 versuchten türkische Nationalisten und Radikalmuslime von den „Grauen Wölfen“ (Trabzon ist ihre Hochburg) das Kreuz vom First des Kirchendachs zu schlagen. Jetzt wurde sie erneut das Opfer eines Angriffs von Pro-Erdogan-Demonstranten mit Hämmern und herausgerissenen Pflastersteinen.

Noch schlimmere Erinnerungen weckt der ähnliche Angriff auf die evangelische „Malatya Kilisesi“. Dort wurden im April 2007 der deutsche Pastor Tim Geske und drei türkische Neuchristen mit Messern langsam zu Tod gequält. Die auf frischer Tat verhafteten Mörder sind nach jahrelanger Unterschungshaft inzwischen ohne Urteil freigelassen, einer sogar als Staatsbeamter angestellt. Auch Die-Welt-Korrespondent Deniz Yücel, der sich des Falles besonders annahm, musste die Türkei fluchtartig verlassen. Jetzt steht er wieder auf das frischen Verhaftungsliste von 42 Journalisten, die sich nicht liniengetreu genug gegen den Putsch geäußert haben.

Das könnten vielleicht noch Einzelfälle sein. Die breit heraufziehende Gefahr dürfte jedoch Erdogans Hexenjagd gegen die Reformmuslime von Fethullah Gülen sein. Dieser hat sich schon vor seiner Übersiedlung in die USA 1999 um ein gutes Verhältnis zu den türkischen Christen und Juden bemüht, das jetzt auch diesen zum Verhängnis werden könnte. Bei seinen Dialogpartnern war der als Hoca Efendi bekannte Gülen gar nicht enstirnig, zu ihnen zählten der griechisch- und armenisch-orthodoxe Patriarch in Istanbul, aber auch ein Papst Johannes Paul II. sowie der Engelwerk-Vorsteher P. Hansjörg Bitterlich.

Wer Gülen schon gut aus der Zeit kennt, als er noch in der Türkei am asiatischen Ufer des Bosporus in einer Art Hügelfestung lebte, kann ihn nicht für den Drahtzieher von allem und jedem handeln, was ihm jetzt politisch von Erdogan vorgeworfen wird. Dem Schüler des kurdischen Mystikers Said Nursi ist wohl vorzuhalten, dass er dessen Lehre zu stark in Richtung eines Volksislam mit modernistischem Anstrich verwässert hat. Dazu war er mit Schaffung von raiffeisenähnlichen Islambanken, Medienkonzernen in Form von Pressvereinen und einem enormen Privatschulwesen – sie alle wurden ihm von Erdogan in den letzten drei Jahren weggenommen – ein überaus tüchtiger Unternehmer. Verschwörer und Umstürzler – das passt einfach nicht zu Gülen, der sich aber ebensowenig von der Staatsraison vereinnahmen lässt. Seine Stärke ist – wie schon die des Said Nursi – der gewaltlose Widerstand.

Als einzige Lichtblicke fallen im Moment auf die so düstere und blutrünstige türkische Politszene die Aufrufe der beiden großen Oppositionsparteien gegen Erdogans repressives Überreagieren auf den versuchten Putsch. Darin sind sich heute endlich die Laizisten von Kemal Atatürk (CHP) mit der Minderheitenbewegung HDP einig. In ihr finden sich mehrheitlich Kurden, doch auch armenische, aramäische und griechische Christen.

πηγή KNA

 

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