Athen als Herausforderer von Konstantinopel Alte Rivalität, am Orthodoxen Konzil auf Kreta neu entfacht

vartholomeos-ieronimos

Von Heinz Gstrein

Athen. Dem Orthodoxen Konzil vom Juni auf Kreta machte nicht nur die Abwesenheit der wichtigen russischen Kirche und der Patriarchen von Antiochia, Bulgarien und Georgien zu schaffen. Es war die Anwesenheit der Kirche von Griechenland, die auf dieser „Heiligen und Großen Synode“ von ihrem Anfang bis zum Ende Probleme aufwarf: Die Griechen waren mit keinem der Konzilstexte und schon gar nicht mit dem Ökumenismusdekret zufrieden, forderten vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. den Verzicht auf seine Bistümer auf ihrem Staatsgebiet und verdrückten sich schließlich durch die Hintertür der Orthodoxen Akademie von Kreta, ohne am feierlichen Abschlußgottesdienst in der Peter-und-Paul-Kathedrale im nahen Chania teilzunehmen. Auch in der nachkonziliären Diskussion kommen jetzt die meisten negativen Stimmen gar nicht so sehr von den Russen wie aus Griechenland.

Eigentlich sollte die griechische Kirche dem ihr benachbarten und verwandten Konstantinopel zur Seite stehen. Doch ist schon seit ihrer Gründung 1833 das Gegenteil der Fall, nachdem sie in zwei christlichen Jahrtausenden einen – in nachapostolischer Zeit eher unbedeutenden – Teil des Ökumenischen Patriarchats gebildet hatte. Bei der Unabhängigkeit des modernen Hellas vom osmanischen Sultan unter einem katholischen Wittelsbacher als König wurde eine josephinistische Staatskirche geschaffen und im Alleingang von Konstantinopel getrennt. Erst 1850 hat das Patriarchat diese vollendeten Tatsachen kirchlich anerkannt, allerdings nur vorläufig, „achri kairou“. Der Ökumenische Patriarch kann also im Prinzip jederzeit den Knüppel aus dem Sack holen und Griechenlands Eigenkirchlichkeit widerrufen. Im Machtkampf zwischen dem ehrgeizigen Athener Erzbischof Christodoulos I. und Bartholomaios I. wäre das 2005 beinah der Fall gewesen.

Griechenlands junge Kirche verarmte unter der areligiösen politischen Führung in Athen äußerlich wie innerlich. Ihr wurden mehr Kirchen und Klöster weggenommen oder gar zerstört als in 400 Jahren islamischer Herrschaft, die Orthodoxie wurde von einem entstehenden liberalen Bildungsbürgertum im Vergleich zum klassischen griechischen Altertum abgewertet. Nur nach außen vergrößerte sich die Kirche von Griechenland mit jeder Ausdehnung des Staates zu Lasten der Türkei und des Ökumenischen Patriarchats.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg führte die Vertreibung von Millionen kleinasiatischen Orthodoxen nach Griechenland zu Aufschwung und Verinnerlichung des religiösen Lebens. Bruderschaften entstanden, die sich der vom Staatskirchentum vernachlässigten Bereiche Spiritualität, Katechese und Diakonie annahmen. Die Athener Theologie brachte erste große Persönlichkeiten ökumenischer Ausrichtung wie Hamilkar Alivizatos (1887-1969) hervor.

Nach 1945 entwickelte sich die Orthodoxe Kirche von Griechenland noch lebendiger, besonders unter Erzbischof Theoklitos II. (1957-1962). Bei Athen wurde eine Diakonissen-Schule eingerichtet, die auch aus anderen Kirchen, z.B, Äthiopien, starken Zuspruch fand. Der Athener Theologe und Religionsphilosoph Nikos Nissiotis (1924-1966) profilierte sich im damals jungen Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), der Dogmatiker Ioannis Karmiris brachte den Dialog mit den Altkatholiken in Gang.

Als aber 1962 der auf Ökumene festgelegte Iakovos Vavanatsos an die Spitze der griechischen Orthodoxie gewählt wurde, schlug die Stimmung um. Die kirchliche Reaktion warf ihm Unglauben und Unsittlichkeit vor, fanatische Priester brachten ein Heer arbeitsloser Religionslehrer auf die Straßen, es kam der erzkonservative Chrysostomos II. ans Ruder.

Seitdem befindet sich Griechenlands Orrthodoxie wieder im Krebsgang. Einen besonderen Dorn im Aug der mehr griechisch-nationalistischen als wirklich griechisch-orthodoxen Kräfte stellt die Tatsache dar, dass weite Teile des Staatsgebietes unter der kirchlichen Zuständigkeit von Konstantinopel verblieben sind: Kreta, die Inseln der Dodekanes, der Heilige Berg Athos und fast die Hälfte aller griechischen Bistümer, die weiter zum Patriarchat gehören, aber durch die Kirche von Griechenland administriert werden. Das sollte ein Ende nehmen. Einen Höhepunkt erreichten diese Bestrebungen, als 1964 der national-orthodoxe Eiferer Archimandrit Augustinos Kantiotis in seiner Kampfschrift „Spitha“ (Funke) die Schafffung eines Patriarchates von Griechenland auf dessen gesamten Territorium und für die weltweite Diaspora griechischer Auswanderer und Gastarbeiter forderte. Um das Ansehen und die Bedeutung von Konstantinopel zu schwächen, das sich genau zu dieser Zeit unter Patriarch Athenagoras I. der Wiederanäherung an Rom und der ökumenischen Bewegung öffnete, begannen Kantiotis und seine Mitstreiter den Ökumenismus als Abfall von der Orthodoxie und Verrat am Griechentum zu schmähen. Bis dahin hatte sich ihr Fanatismus hauptsächlich gegen Schönheitskonkurrenzen mit ihren leichtgechürzten Missen entladen.

Seit damals geht der nationalistische und erzkonservative Flügel der Kirche von Griechenland prinzipiell gegen alles vor, was vom Ökumenischen Patriarchat unternommen und geleistet wird. Das Orthodoxe Konzil von Kreta war wieder ein Beispiel für diese Justament-Haltung. So kritisierten die meisten seiner Teilnemer aus Griechenland diese Kirchenversammlung im allgemeinen und sein Dekret über die Beziehungen der griechisch-orthodoxen zu den anderen Christen im besonderen. Hätte die Kirche von Konstantinopel hingegen eine Abkehr von der Ökumene vorgeschlagen, so wären die Widerspruchsgeister aus Griechenland gewiß für diese eingetreten!

Die Frage der Jurisdiktion von Konstantinopel über ganz Nordgriechenland wurde jetzt ein weiteres heißes Eisen auf dem Konzil von Kreta. So lang im Istanbuler Phanar der gütige, aber schwache Patriarch Dimitrios I. (1972-1991) das Sagen hatte bzw. zu allem schwieg, konnte die griechische Kirche auch in den Konstantinopler Jurisdiktionen nach Belieben schalten und walten. Erst Bartholomaios I. begann in den 1990er Jahren wieder auf seine Rechte zu pochen. Als ihm 1998 mit Erzbischof Christodoulos I. in Griechenland ein ebenso starker Gegenspieler erwuchs, war der Konflikt vorprogrammiert. Dieser uferte 2005 bis zum Abbruch der kirchlichen Communio zwischen Konstantinopel und Athen aus. Nur die Erkrankung und der frühe Tod von Christodoulos verhinderte eine bleibende Spaltung.

Seitdem wurde die Jurisdiktionsfrage über gut die Hälfte von Griechenland nicht mehr angetastet. Umso erstaunlicher kam daher der Vorstoß des heutigen Athener Erzbischofs Hieronymos II. aiuf dem Konzil, die Konstantinopler Diözesen als autonomen Teil seiner Kirche einzufordern. Er gilt sonst eher als Gefolgsmann von Bartholomaios, doch hängt sein Vorpreschen mit den jüngsten kirchenpolitischen Entwicklungen in Griechenland zusammen. Dort kann die Linksregerung von Alexis Tsipras im Zwangskorsett der ihr durch Griechenlands Gläubiger diktierten Einsparungs- und Eintreibungspolitik ihre Versprechungen für Vermögensumverteilung und ein Füllhorn öffentlicher sozialer Leistungen überhaupt nicht erfüllen. Von seinen populären Wahlschlagern bleibt Tsipras daher nur mehr der Kirchen- und Kulturkampf gegen Griechenlands nach wie vor mächtige und reiche Orthodoxie. Damit kann er noch in breiten antiklerikalen Kreisen punkten, wenn er an den Schulen Gottesdienste und Gebete abschafft, den Religionsunterricht zum Freifach degradiert und orthodoxen Geistlichen überhaupt das Betreten staatlicher Bildungsstätten verbietet. Dagegen will sich die Kirche durch Einverleibung des Konstantinopler Bistums- und Klosterbestandes auf griechischem Boden den Rücken stärke.

πηγή öki

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