Von Patriarch Kyrills „Njet“ zum Ja

Unbenannt

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Am Ökumenischen Patriarchat sollte die plötzliche Nachricht von der ersten Begegnung eines Oberhirten der Russischen Orthodoxen Kirche mit dem römischen Papst eigentlich überraschen. Hatte doch Patriarch Kyrill I. eben beim gesamtorthodoxen Gipfeltreffen (Synaxis) in Chambésy am Genfer See ausdrücklich dementiert, dass es bei Gelegenheit seines Kuba-Besuches und der Pastoralreise von Franziskus nach Mexiko zu einer persönlichen Aussprache kommen könnte. Vom Gegenteil wurde jedoch Bartholomaios I. schon am 3. Februar – zwei Tage vor der offiziellen Bekanntgabe des Großereignisses am Flughafen von Havanna in Rom und Moskau – durch einen persönlichen Abgesandten des heiligen Vaters in Kenntnis gesetzt: Es handelte sich dabei um keinen Geringeren als den Russlandexperten des Vatikans, den französischen Dominikaner Hyacinthe Destivelle.

Der Ökumenische Patriarch hat darauf mit „Zufriedenheit und Freude“ reagiert. Korrigiert doch die zwar nicht wichtigste, aber an Gläubigen sowie Mitteln jeder Art innerhalb der orthodoxen Traditionsfamilie gewichtigste Teilkirche ihre bisherige Kontaktscheu den Päpsten gegenüber. Konstantinopel hatte hingegen seit dem Durchbruch von 1964 zwischen Athenagoras I. und Paul VI . regelmässige Zusammentreffen mit den jeweiligen Hausherrn im Vatikan gepflegt. Zwischen Bartholomaios und Franziskus ist das Verhältnis besonders eng und herzlich geworden. Die Moskauer Kirche hielt sich bisher im Abseits und kritisierte oft genug das Auf-Einander-Zugehen von Konstantinopel mit Rom als Verrat an der Orthodoxie.

Jetzt es aber auch bei den Russen soweit. In Athen räumt dem die führende griechische Tageszeitung „To Vima“ (Die Tribüne) in ihrer Sonntagausgabe eine ganze Seite unter dem Titel „Von Kyrills Njet zum Ja“ ein. Um das Zustandekommen eines solchen kirchlichen Spitzentreffens zwischen dem „Papst des Alten und dem Patriarchen des Dritten Roms Moskau“ habe sich die Kirchendiplomatie beider Seiten seit der Wende im Ostblock von 1990/91 bemüht. Es handle sich – zumindest auf russischer Seite – aber mehr um einen kirchenpolitischen Schachzug als einen primär religiös motivierten Vorstoss.

Auch Kreise des Ökumenischen Patriarchats im Phanar von Istanbul weisen darauf hin, dass die Begegnungen zwischen seinen Oberhäuptern Athenagoras I., Dimitrios I. und Bartholomaios I. und Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus in erster Linie als Bestrebungen erfolgten, dem Auftrag des Evangeliums zur Einheit der Christen zu dienen. Die Klarstellungen bei der Moskauer Pressekonferenz zur Begegnung von Havanna schlössen aber jedes gemeinsame Gebet und alle geistlichen Aspekte aus. Es werde um eine kirchenpolitische Aktionsgemeinschaft zur Rettung der Christen im Orient und für den Schutz christlicher Werte vor einem besonders im westlichen Europa aggressiv areligiösen Säkularismus gehen. In beiden Anliegen ist sich die Russische Orthodoxe Kirche mit Politik und Doktrin von Präsident Vladimir Putin einig.

Auch der Zeitpunkt von Kyrills Einlenken zum Treffen mit dem Papst wurde – so ein „Leibjournalist“ von Bartholomaios I. – nicht zufällig gewählt. Die russische Kirche sei in ihrem Bemühen gescheitert, das gesamtorthodoxe Konzil von 2016 zu verhindern oder zumindest aufzuschieben. Hingegen setzte auf der Synaxis bei Genf doch Konstantinopel die „Große Synode von Kreta“ im kommenden Juni durch. Die russische Kirchenführung wolle sich daher durch den spektakulären Schritt des Treffens mit dem Papst wieder in den Vordergrund schieben.

Das Eintreten für die in Syrien, dem Irak und anderswo in Nahost in ihrer Existenz bedrohten Christen sei zweifellos ein gemeinsames Anliegen aller Christen. Im Fall Kyrills komme aber dazu, dass gleichzeitig sein staatlicher Partner Putin die russische Militärintervention in Syrien vorantreibt.

In Sachen der Ablehnung von Frauenordination, kirchlicher Akzeptanz von Homosexualität, künstlichen bis kriminellen Praktiken gegen die Fruchtbarkeit der Frauen oder von so genannter Sterbehilfe finde der russische Standpunkt zwar viele Entsprechungen bei den katholischen Positionen. Unterschiedlich sei jedoch die Billigung staatlicher Verbote und Bestrafungen solcher Verhaltens- und Vorgangsweisen durch die Moskauer Orthodoxie. Eine konservative Achse mit Rom sei daher undenkbar und würde nur die ökumenischen Beziehungen zwischen Katholiken, reformatorischen Kirchen und Altkatholiken stören. Vielleicht ist aber auch das eine der Absichten der plötzlichen russischen Anbiederung an das Papsttum.

Osteuropaexperten in der Umgebung von Patriarch Bartholomaios sehen ebenfalls eine ukrainische Dimension in der persönlichen Kontaktnahme von Kyrill I. zu Papst Franziskus. Bei Ankündigung ihrer Begegnung auf Kuba hat der russische kirchliche Außenpolitiker Metropolit Hilarion Alfejew zum unzähligsten Mal die Griechisch-Katholische Kirche in der Ukraine als Hindernis für jede weitere Verbesserung des Verhältnisses zwischen Moskau und Rom bezeichnet. Diese Frage werde auf Kuba gewiss auch zur Sprache kommen. Nach den Erwartungen im Phanar wird dabei die weitere Vorenthaltung des Patriarchentitels für den griechisch-katholischen Oberhirten in Kiew durch Rom das Minimalanliegen von Kyrill sein. Als maximale Forderung würde aber gewiß eine Auflösung bzw. Abänderung der ukrainischen Kirchenunion mit Rom durch dieses im Raum stehen. Die „unierten“ Ostkatholiken ohne Zölibat, ihrem Abendmahl unter beiden Gestalten und eigenem Kirchenrecht seien auch jenen erzkonservativen römisch-katholischen Kräften ein Dorn im Auge, an die sich Moskau mit seinem Aufruf zur Wahrung der traditionellen christlichen Werte zu wenden versucht.

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