Vorgefechte einer syrischen Friedenssuche

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Von Heinz Gstrein

Vor der Friedenskonferenz für Syrien am 25. Jänner versucht jede der Konfliktparteien noch schnell Boden- und Positionsgewinne einzuheimsen. Das zum Teil sogar einvernehmlich, wie lokale Frontbegradigungen durch die Gewährung von freiem Abzug zwischen dem Assad-Regime und kleineren Widerstandsgruppen zeigen. Selbst für den Fall, dass sich die Gespräche in Genf als Totgeburt erweisen sollten, liegt auf der Hand, dass im bald fünfjährigen Bürgerkrieg eine Entscheidung naht, mag sie auch militärischer Art sein.

Die Terrormiliz vom „Islamischen Staat“ (IS) sieht sich dabei an allen Fronten in die Defensive gedrängt. Nach dem neuerlichen Vorrücken der syrischen und irakischen Kurden zeigen sich auch die Bagdader Regierungstruppen den sunnitischen Fanatikern endlich gewachsen. Ramadi, die älteste IS-Hochburg im Irak, entwickelte sich für Kalif Babakr al-Boghdadi zu seinem Stalingrad. Nicht einmal Mossul dürfte er mehr für uneinnehmbar halten. In seiner letzten Moscheepredigt drohte er dem Westen und besonders Israel selbst über den Untergang seines Kalifats hinaus mit einem globalen „IS-Wehrwolf“. Tatsächlich sind die gesamte islamische Welt und noch mehr ihre westliche Diaspora schon so stark mit dem Virus eines totalen Terrors gegen Andersgläubige infiziert, dass auch eine Befriedung Syriens für Europa kein Ende von Angst und Tod mehr bringen könnte.

Indessen rollen an den syrischen Fronten die Köpfe militärischer Anführer durch minutiös geplante Raketenangriffe. Nach dem zu Assads Unterstützung aufgebotenen Hizbollah-Kommandanten Samir Kuntar musste nun auch auf der Rebellenseite der Anführer des „Islamischen Heeres“ ins Gras beißen, Zahran Allusch. Damit sollten sichtlich zentrale Anwärter auf eine künftige Machtverteilung eliminiert werden.

Die Türken sind nach dem Rückzieher beim Einsickern ihrer Truppen in den Irak endgültig als mitbestimmender Faktor ausgeschieden. Von „Sultan“ Tayyip Erdogans hochtrabenden Ambitionen, Präsident Assad zu stürzen, in Damaskus die Islamisten ans Ruder zu bringen und ein Hochkommen der syrischen Kurden zu verhindern, ist nur ein Scherbenhaufen übrig geblieben. Umso brutaler geht das Regime von Ankara jetzt gegen die eigenen Kurden vor. In den Bergen von Kurdistan wird gnadlos wie noch nie auf jeden PKK-Partisanen Jagd gemacht. Zum ersten Mal versucht die Türkei aber auch in den Städten ihres Südostens eine menschenverachtende „Endlösung der Kurdenfrage“. Von nur drei Monate alten Kindern bis zu betagten Intellektuellen, die kurdische Sprache und Kultur pflegen, ist niemand vor der Gewaltorgie sicher. Das Verbot der kurdenfreundlichen Minderheitenpartei HDP mit ihrem Ruf nach Autonomie scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein. Dann steht Erdogan auch im Parlament nichts mehr im Weg, um das geplante Ermächtigungsgesetz für seine Alleinherrschaft durchzupeitschen. Selbst für den Fall einer Syrienlösung steht dann die Unrast eines „Türkischen Frühlings“ bevor.

Orthodoxes Konzil wird ökumenisch, aber keine Ökumenische Synode

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Von Heinz Gstrein

Saloniki. Unter dem Motto „Orthodoxie und Ökumene“ fand vom 3. bis 5. Dezember im Kloster Vlatadon auf dem Burghügel über der nordgriechischen Großstadt Saloniki eine theologische Konferenz „Unterwegs zur Heiligen und Großen Synode“ statt. Dabei bemühten sich prominente, aber auch alternative, meist junge orthodoxe Theologen und vor allem Theologinnen, die recht „dürren“ Texte der Komzilsvorlagen für 2016 vom kirchlichen Leben her zu verlebendigen und ihre Lücken zu füllen.

So ist in den offiziellen „Schemata“ von der Frau in der Kirche so gut wie gar keine Rede. Das betonte die Athener Ekklesiologin Prof. Vassiliki Stathokosta in ihrem Referat „Orthodoxie vor aktuellen Herausforderungen: Die Frau in Kirche und Welt von heute“. Es werde darauf ankommen, dieses Versäumnis auch am Konzil durch entsprechende Wortmeldungen aufzuzeigen und eine Berücksichtigung der Frauenproblematik in den Schlussdokumenten zu verankern.

Metropolit Elpidoforos Lambriniadis von Bursa (Kleinasien) unterstrich die Bedeutung der orthodoxen Diaspora in Westeuropa und Übersee als Prüfstein für die Akzeptanz der Konzilsbeschlüsse. Das gelte z.B. für die Neugestaltung der strengen Fastenvorschriften aus dem Frühmittelalter, wie der Pastoraltheologe Panagiotis Skaltsis aus Saloniki feststellte.

Metropolit Chrysostomos Savvatos aus dem südgriechischen Kalamata zog Bilanz der Entscheidungen des über 50jährigen Vorbereitungsprozesses für das Konzil zum Ökumenismus seit der I. Panorthodoxen Konferenz von Rhodos 1961. Jetzt könne das Konzil gar nicht mehr anders, als die praktisch längst erfolgte Öffnung der Orthodoxie zu den anderen Christen und auch zu den Weltreligionen verbindlich abzusegnen. Es werde sich aber um kein „Ökumenisches Konzil“ im Sinn der allgemeinen Kirchenversammlungen des ersten christlichen Jahrtausends handeln. Das wurde auch von Despo Lialiou herausgearbeitet, „Sozialtheologin“ in Saloniki. Sehr wohl könne das orthodoxe Konzil jedoch den Weg für eine künftig gemeinsame und damit „Ökumenische Synode“ von Ost- und Westchristen öffnen!

70 Jahre byzantinisches Ordinariat in Österreich

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 von Heinz Gstrein

Wien. Die österreichischen Ostchristen byzantinischer Tradition in Gemeinschaft mit Rom haben am 4. Dezember das siebzigjährige Bestehen ihrer eigenen Kirchenverwaltung gefeiert. Diese wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für ukrainische, rumänische und südslawische Flüchtlinge geschaffen. Die meisten von ihnen zogen nach Canada und den USA weiter. Eine Neubelebung des kirchlichen Lebens gab es dann nach der Wende von 1990 durch Zuzug aus der Ukraine, Slowakei, Rumänien und dem zerfallenden Jugoslawien. Dazu kamen ab 2003 auch irakische und nach 2011 syrische Melkiten. Wissenschaftliche und spirituelle Schwerpunkte entstanden mit dem Internationalen Theologischen Institut (ITI) in Trumau bei Wien und dem Byzantinischen Gebetszentrum in Salzburg.

Das alte Österreich-Ungarn war die Heimat dieser Ostkatholiken gewesen oder ihre Schutzmacht im Osmanischen Reich. Die Wiener Kultusverwaltung hatte für sie den fortan gängigen Sammelbegriff „griechisch-katholische Kirche“ geschaffen, So fanden sich zu der 70-Jahrfeier im erzbischöflichen Palais nicht nur byzantinische Christen aus Österreich, sondern aus der ganzen ehemaligen Donaumonarchie ein. Diese hatte von im Zug ihrer Ausdehnung vorgefundene Ostkatholiken in Galizien, der Karpathenukraine und Kroatien unter ihren Schutz genommen. Im Fall der Rumänen von Siebenbürgen und dem Banat war ihre „Union“ mit Rom jedoch eine zwiespältige Sache; Einerseits gab es spontane Anhänger der Union, die in ihr eine Stützung des romanischen Erbes der Rumänen sahen. Andererseits gab es starken orthodoxen Widerstand. Dessen „Rädelsführer“ ließ Kaiserin Maria Theresia in der Tiroler Grenzfestung Kufstein einkerkern und dort regelrecht zu Tod hungern, wenn sie sich nicht Rom unterwarfen.

Auf orthodoxer Seite hat das natürlich schmerzliche Erinnerungen hinterlassen. So nahm auch keiner der in Wien amtierenden und eingeladenen griechisch-orthodoxen Bischöfe an der Feier zum 70jährigen Bestehen des byzantinischen Ordinariates teil; Schade! Sie hätten so einiges vernommen, was dessen neues Selbstverständnis als stabile Brücke zwischen Orthodoxen und Katholiken und nicht mehr als Abspaltung von jenen ausmacht.

Verschiedene Festredner unterstrichen, dass die Communio der byzantinischen Unierten mit Rom von Wiederaufnahme der Gemeinschaft mit ihren orthodoxen Mutterkirchen vollendet werden muss. Konkret wurden die „Zoghby-Initiative“ für eine Wiedervereinigung im Patriarchat von Antiochia und die „Kiewer Arbeitsgruppe“ zwischen dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche vorgestellt.

Ihr Protosynkellos (Generalvikar) für Österreich, Erzpriester Yuriy Kolasa, dankte dem trotz gesundheitlicher Beschwerden persönlich anwesenden Nuntius Peter Zurbriggen für das Erscheinen und seine bewährte Unterstützung für die Anliegen der Ostchristen in Gemeinschaft mit Rom.

Nach einem spontan eingeschobenen Konzert von Seminaristen aus Trumau mit byzantinisch-slawischer Kirchenmusik erschien arg verspätet der Hausherr und Ordinarius des byzantinischen Ritus in Österreich, Kardinalerzbischof Christoph Schönborn. Er feierte anschliessend auch die Jubiläumsmesse im Stephansdom.

Orthodoxie in Amerika – Homosexualität – Vor dem Konzil

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von Heinz Gstrein

New York. Nach Jahren der Zurückgezogenheit meldet sich im vorkonziliären Kontext der Orthodoxie ein griechisch-orthodoxer Alterzbischof von Amerika wieder zu Wort, Spyridon Papageorgiou. Wie die griechische Zeitung in New York „Ethnikos Keryx/National Herald“ berichtet, nahm er zu Fragen der US-Orthodoxie, einer angeblichen Homosexuellen-Lobby in führenden orthodoxen Kirchenkreisen und zur „Heiligen und Großen Synode“ selbst Stellung. Diese könne zum größten Ereignis für die Weltorthodoxie seit dem ersten Jahrtausend werden, „wenn diese Chance nur nicht vertan wird.“

Erzbischof Spyridon, der den etwa drei Millionen Gläubigen des Ökumenischen Patriarchats in Nord- und Südamerika von 1996 bis 1999 vorstand, erinnerte an die Umstände seiner Ablösung nach heftigen Auseinandersetzungen um einen weiter strikt griechischen Charakter seiner Kirche oder deren stärkere Einbindung in die Sprachen und Kulturen der Neuen Welt. Spyridon, der 1944 in Ohio geboren wurde und die dritte griechisch-orthodoxe Generation in den Staaten vertrat, hatte damals klar mehr Inkulturation befürwortet und wurde darauf durch den aus Athen herbeigeholten, „echt“ griechischen Erzbischof Dimitrios Trakatellis ersetzt.

Weiter berichtet Papageorgiou über einen neuen „Putsch“ zu dessen Sturz in diesem Jahr. Der sei von Metropolit Elpidoforos Lambriniadis ausgegangen, dem Metropoliten von Bursa in Kleinasien und designierten Dekan für die Theologische Hochschule von Chalki. Da sich deren Wiedereröffnung hinauszögert, habe der aufstrebende Kirchenmann auf New York spekuliert. Immerhin wird dort inzwischen Erzbischof  Dimitrios 88 Jahre alt. Elpidoforos hatte sich schon einmal 2009 in Boston als „Erneuerer“ der griechisch-orthodoxen Kirche in Amerika angeboten. Jetzt ist er aber zum zweiten Mal abgeblitzt. Patriarch Bartholomaios I. stellte sich hinter Trakatellis und verlieh diesem den Ehrentitel eines „Geron“-Erzbischofs („Älterer“ Erzbischof, entsprechend dem slawischen „Starsche“).

Schließlich warnt Spyridon, den Einfluss homophiler Kreise in der griechisch-orthodoxen Kirchenführung und Theologie nicht zu unterschätzen. Derartige, aber meist diskrete Einzelfälle habe es schon immer gegeben. Vor dem Konzil hätte sich jetzt aber gezeigt, dass sie ihre Kräfte bündelten, um auch der Orthodoxie eine Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebensführung abzuringen

Orthodoxes Konzil: Verlegbar – doch unaufschiebbar!

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Von Heinz Gstrein

Istanbul/Saloniki. Bevor im Ostkirchenzentrum Phanar am Goldenen Horn das alte Jahr mit seiner frohen Ankündigung der schon seit 1961 vorbereiteten „Großen Synode der Orthodoxie“ für Juni 2016 zu Ende geht, bedrohen am Bosporus politische Winterstürme  ihr Zustandekommen.

Zunächst, was die geplante Abhaltung in der Irenenkirche zwischen der Haghia Sophia und dem oströmischen Kaiser- und osmanischen Sultanspalast von einst angeht. In diesem Gotteshaus hatte 381 die II. Allgemeine Kirchenversammlung des Morgen- und Abendlandes getagtstattgefunden. Nach dem Fall von Konstantinopel wurde die Hagia Irini osmanisches Waffenlager. Sie blieb bis heute im Staatsbesitz, war aber nie Moschee. Das hatte zuletzt ihre gelegentliche Verwendung als Konzertsaal und für kulturell-religiöse Veranstaltungen erleichtert. agiaObwohl aber Patriarch Bartholomaios I. schon letztes Frühjahr in Ankara angesucht hatte, ihm die Irenenkirche für dieses neue Konzil nach fast 1650 Jahren zur Verfügung zu stellen, ist noch immer keine Antwort der türkischen Behörden eingetroffen.

Abgesehen von dieser Hinhaltetaktik wird nun darüber hinaus zusätzlich infrage gestellt, ob sich die Vertreter von 14 autokephalen (unabhängigen) griechisch-orthodoxen Kirchen unter dem Vorsitz ihres Ökumenischen Patriarchen überhaupt in der Türkei an einer der alten Konzilsstätten wie Nicäa (Isnik), Konstantinopel (Istanbul), Ephesus (Efes) oder Chalzedon (Kadiköy) versammeln dürfen. Die Spannungen zwischen Ankara und Moskau seit dem Abschuss eines russischen Kampfbombers am 24. November schwelen weiter. Bisher hat die Türkei zwar selbst noch kein Einreiseverbot für Würdenträger der Russischen Orthodoxen Kirche verhängt. Diese haben türkisches Hoheitsgebiet jedoch seit dem Zwischenfall gemieden: Angefangen mit dem für die kirchlichen Außenbeziehungen verantwortlichen Metropoliten Hilarion Alfejev von Volokalamsk. Ers sagte seinen jährlichen Konsultationsbesuch in Ankara, Istanbul und an der bis dahin bei Russinnen und Russen so bliebten türkischen Riviera um die Nikolaus-Stadt Myra abrupt ab.

Für Januar 2016 hat Patriarch Bartholomaios I. die Oberhirten aller etwa 350 Millionen orthodoxen Christen zu einer vorkonziliären Synaxis in den Phanar eingeladen. Als wichtigsten von ihnen natürlich seinen MoskauerAmtsbruder Kirill. Dessen Ausbleiben bzw. Ausladung oder aber Eintreffen wird zum Prüfstein dafür, ob es überhaupt eine Heilige und Große Synode der Orthodoxie in der Türkei geben wird. Für eine weitblickende Führung in Ankara hätte das einen unerhörten Aufwertungs- und Sympathieeffekt. Ob der in letzer Zeit immer verbohrtere Staatschef Tayyip Erdogan das aber verstehen will, steht auf einem anderen Blatt.

Für diesen Fall zerbricht man sich im Phanar, dem Moskauer Danilov-Kloster und an anderen orthodoxen Führungszentren schon jetzt den Kopf, wohin das Konzil ausweichen soll. Denn alle sind sich einig, dass es nicht länger aufgeschoben werden darf, nachdem es innerkirchlich nach über einem halben Jahrhundert gesichert wäre.

Natürlich hätten Moskau oder auch Kiew jede und vor allem finanzielle Unterstützung des Kremls, um dort eine glanzvolle Gesamtorthodoxe Synode zu gewährleisten. In der ukrainischen Hauptstadt ließe sich das zusätzlich als Rückendeckung der Weltorthodoxie für den moskautreuen Kirchenflügel zulasten des „Kiewer Patriarchats“ und der „Ukrainischen Orthodoxen Autokephalkirche“ verkaufen.

Davon will aber Konstantinopel nichts wissen. Wenn schon nicht am Sitz des Ökumenischen Patriarchats, dann immerhin im Bereich seines direkten Jurisdiktionsgebietes. Dafür kämen die griechischen Inseln Rhodos und Patmos, der Heilige Berg Athos oder als letzter Ausweg das Zentrum des Ökumenischen Patriarchats in Chambésy bei Genf in Frage.

Rhodos ist von Anfang an mit dem konziliaren Aufbruch in der griechisch-orthodoxen Kirchenfamilie verbunden. Dort fanden in den frühen 1960er Jahren die ersten Vorbereitungstreffen als Panorthodoxe Konferenzen I-III statt, ebenso 1980 der Auftakt zum Theologischen Dialog mit der römisch-katholischen Kirche. Die Schwäche von Rhodos ist heute der Mangel an kirchlichen Einrichtungen zur Flankierung der Arbeiten in der Konzilsaula und Unterbringung der Teilnehmer. Früher hatte das alles der griechische Staat übernommen. Dazu ist Athen heute im siebten Jahr seiner Finanzkrise längst nicht mehr imstande.

Patmos, die Insel der Apokalypse, hatte 1995 die zweite Synaxis der orthodoxen Kirchenführer beherbergt und dabei Spannungen zwischen Konstantinopel und Moskau über die kirchliche Zuständigkeit im postkommunistischen Estland gelindert, die dem Konzil im Weg standen. Das wäre jetzt wieder ein gutes Omen, dazu kämen die weitläufigen Anlagen des Johannesklosters als Synodenlobbies und Wohnräume der Konzilsväter und ihrer Begleiter. Patmos punktet daher hoch, falls die Synode in Istanbul scheitern sollte.

Die Mönchsrepublik vom Heiligen Berg Athos bietet hingegen zwiespältige Perspektiven. Dort hatte schon 1930 eine Konsultation zum Konzilsvorhaben stattgefunden. Das reiche Großkloster Vatopedi böte jetzt wieder einen würdigen und praktisch gut ausgestatteten Rahmen für eine erfolgreiche Große Synode. Da die ostslawische Orthodoxie im nächsten Jahr ihre tausendjährige Präsenz am Athos feiern wird, hätten Moskau, Kiew und Minsk nichts gegen die Aufwertung dieses Gedenkens durch ein paralleles Konzil einzuwenden. Der gesamtorthodoxen Klosterrepublik als dessen Tagungsort steht aber die oft fanatische Ablehnung aller von jenem erwarteten Reformen und ökumenischen Öffnungen durch die Mehrzahl der Athos-Mönche gegenüber.

In Chambésy haben seit Gründung des Konstantinopler Patriarchalzentrums von Athenagoras I. 1966 mit entscheidender finanzieller Unterstützung durch die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die EKD so gut wie alle Konzilsvorbereitungen stattgefunden. Auch hat das Konzilssekretariat dort am Ufer des Genfer Sees seinen Sitz. Seine dem Apostel Paulus als Völkerapostel geweihte Kirche, Seminarräume, Sekretariate und ein vielzimmriges, wenn auch schlichtes Gästehaus wären den Anforderungen der Großen Synode gerade noch gewachsen.

Doch herrscht  bisher rundum die Auffassung, dass die Orthodoxie ihr erstes Konzil seit über 1200 Jahren nicht in der Diaspora oder gar im Exil, sondern in einem ihrer Stammländer abhalten sollte. Damit kommen auch die alte apostolische Kirche von Zypern und die seit der Wende kräftig aufstrebende Rumänische Orthodoxe Kirche in die weitere Wahl.

Wieder Licht für Christen im ägyptischen Parlament

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Von Heinz Gstrein

Kairo. Erst im neuen Jahr wird sich zeigen, wie weit in Ägypten die Überraschungserfolge christlicher Kandidaten bei den bis 4. Dezember in drei Etappen durchgeführten Parlamentswahlen auch politisches Gewicht haben werden. Vorerst bleibt als erfreuliche Tatsache, dass die etwa 15%ige Minderheit der koptischen Christen in der neuen Nationalversammlung immerhin rund 8% der Sitze erringen konnte. Das ist zwar nicht so viel wie in der besten Zeit des Mitregierens der Christen am Nil zwischen 1866 und 1922. Jedoch wesentlich besser als der Tiefpunkt ihrer parlamentarischen Präsenz unter der Herrschaft der Muslim-Brüder 2012/13: Da waren nur sieben von 508 Abgeordnete christlichen, d.h. koptisch-orthodoxen Glaubens.

Das Militärregime von General Abdel Fattah al-Sisi, das dem Islamistenspuk in Kairo vor zweieinhalb Jahren ein Ende gesetzt hat, war jetzt um mehr demokratischen Anstrich und dabei um bessere Vertretung der minoritären Christen bemüht. Vom neuen Wahlgesetz wurde ihnen im Sinn einer minderheitenfreundlichen Konkordanzdemokratie eine Mindeststärke von 23 der 568 Sitze garantiert. Es blieb ihnen freigestellt, als „unabhängige“ Einzelwahlwerber anzutreten oder sich einer Partei anzuschließen. Die Bildung  einer rein konfessionellen Liste blieb ihnen genauso wie den Politmuslimen untersagt. So sah sich sogar die salafistisch-radikale Muslimbewegung „Al-Nur“ (Das Licht) gezwungen, einige Alibichristen aufzustellen. Sie fand solche in den Kreisen innerkirchlicher Gegner der ehelichen Unauflöslichkeit. Die ist bei den Kopten noch strikter als im römischen Katholizismus. „Modernisten“ betreiben daher ein Annäherung des Kirchenrechts an die islamischen Satzungen. Diese machen Scheidungen ziemlich leicht – allerdings nur für die Männer! Auf dieser Basis bildete sich eine gemeinsame, wenn auch paradoxe Wahlbasis von liberalen Kopten und Ultra-Muslimen.

So werden neben 13 „Unabhängigen“ diesmal auch zwei koptische „Salafisten“ die Kairoer Parlamentsbank drücken. Die meisten christlichen Volksvertreter sitzen jedoch in den Reihen der „Partei Freier Ägypter“, und zwar 22 von deren insgesamt 65 Deputierten. Das erinnert an die besonders fruchtbare Zusammenarbeit von Muslimen und Christen im „Wafd“ (Delegation) von vor dem Ersten bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ägyptens vorwiegend koptische Christen haben sich unter bald 1400jähriger islamischer Herrschaft stärker behauptet als andere orientalische Kirchen. Das war weniger eine Folge besserer Behandlung als Zeichen hervorrangender Glaubenstreue bei diesem „Volk des Kreuzes“. Bis ins 19. Jahrhundert blieb es denselben diskriminierenden Gesetzen und Praktiken, ja immer wieder offenen Verfolgungen ausgesetzt, denen Christen – und Juden – unter arabischem, türkischem oder persischem Regiment unterworfen waren.

Erst nach dem ägyptischen Abenteuer von Napoleon I. vollzog sich am Nil die Ablösung vom Osmanen-Sultan in Konstantinopel unter einem eigenen Herrscherhaus. Dieses stammte aus Albanien, wo die christenfreundlichen Bektaschi-Derwische schon lang für ein recht gutes Verhältnis des Halbmondes zum Kreuz gesorgt hatten. Als Folge dieser Gesinnung hob Vizekönig Said 1856 die Wehrunwürdigkeit der Christen auf. Ismail (1863 bis 1879) berief zehn Jahre später koptische und armenische Persönlichkeiten in die von ihm geschaffene „Beratende Versammlung“. Einer von ihnen, Nubar Pascha, wurde Ägyptens erster christlicher Regierungschef.

Dagegen formierte sich eine gewalttätige arabisch-islamistische Opposition. Von ihr wurde 1910 der koptische Premierminister Butros Ghali Pascha ermordet – ein Vorfahre des späteren UN-Generalsekretärs. Während aber die Bewegung bald in die Muslim-Bruderschaft mündete, schlossen sich Kopten und aufgeklärte Muslime in der Wafd-Partei zusammen, wagten 1919 gemeinsam den Aufstand gegen die englische Besatzung und erwirkten die Verfassung von 1922 mit völliger Gleichstellung der christlichen und muslimischen Ägypter.

Bald ging es leider unter König Faruk, Nasser, Sadat, Mubarak und schließlich unter Muslim-Bruder-Präsident Mursi wieder abwärts. Der gemeinsame Neuanfang von Kopten und Muslimen in der „Partei freier Ägypter“ verspricht jetzt aber eine Wende am Nil. Umso mehr, als die Bewegung im Zeichen von Kreuz und Halbmond durch den koptischen Multiuntnehmer Naguib Saverous kräftig unterstützt wird.

Bartholomaios I. für türkisch-russische Aussöhnung

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von Heinz Gstrein

Istanbul. Zur Aussöhnung zwischen Ankara und Moskau hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in der russischen Andreas-Kirche im Hafenviertel Galata am Bosporus aufgerufen. Der Konflikt wurde im November mit dem Abschuss eines Kampfbombers der Russen durch die Türken über dem syrischen Grenzland ausgelöst. Seitdem hat er sich weiter vertieft. Bartholomaios bat die am 13. Dezember zum Andreas-Fest nach dem alten orthodoxen Kirchenkalender  versammelten Russinnen und Russen um „inständiges Gebet für die Bewahrung des Friedens “.- „Sv. Apostol Andrej“ ist eine der drei russischen Kirchen von Istanbul. Sie liegen in den obersten Geschossen von vielstöckigen alten Pilgerhäusern aus der Zarenzeit. Kirchlich sind sie Russenklöstern auf dem Heiligen Berg Athos unterstellt. Die Andreaskirche gehört zur gleichnamigen Kommunität in der Athos-Hauptstadt Karyes. Diese drohte während der Sowjetherrschaft fast auszusterben und wurde nach der Wende als intertorthodoxe Mönchsgemeinschaft erneuert. Hingegen hat ihre Niederlassung in Istanbul heute wieder ganz russischen Charakter.

Stabilere Türkei weiter in der Isolierung

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Von Heinz Gstrein

Am Ende ihres doppelten Wahljahres zeigt sich die Türkei innenpolitisch und wirtschaftlich etwas gefestigt. Die Wahlschlappe vom 7. Juni, bei der Präsident Tayyip Erdogans Regierungspartei AKP zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt ihre Mehrheit verloren hatte, wurde mit dem besseren Ergebnis vom 1. November stabilisiert: Ministerpräsident Ahmet Davutoglu kann dank Spaltung der ultranationalen Opposition MHP wieder allein regieren. Noch immer fehlt zwar die erwünschte Zweidrittelmajorität, um die Verfasssung in Richtung eines auf Erdogan zugeschnittenen Präsidalstaates abzuändern. So wie das vor bald 60 Jahren in Frankreich zugunsten von de Gaulle der Fall gewesen war. Doch der anhaltende Zerfall bei den Nationalisten wird bald auch die dafür nötigen Stimmen ins Regierungslager bringen.

So kann Tayyip Erdogan seinen außenpolitischen Rückschlägen gefasster ins Auge blicken. Er hatte schon seit Beginn des „Arabischen Frühlings“ vor fünf Jahren immer auf die Falschen gesetzt: auf die Muslimbrüder in Ägypten, in Syrien und dort sogar unter Liebäugeln mit dem Islamischen Staat. 2015 ist es ihm weder gelungen, seine frische, immer blutigere Kontroverse mit den Kurden dem Westen als Kampf gegen den Terror zu verkaufen oder sich bei diesem dank seinem vom Zaun gebrochenen Konflikt mit Russland Liebkind zu machen. Seinen jüngsten Einmarsch in den Irak musste Erdogan auf direkte Weisung von Obama zurücknehmen. Weltpolitisch bleibt Ankara erst recht in der Isolierung!

Eigentlich war, ist und bleibt das Problem der Türkei jedoch die Frage, wie sich Islam und demokratischer Staat miteinander verbinden lassen. Das wurde ernsthaft  seit im 19. Jh. unter einer Reihe von Reformsultanen versucht. Man schöpfte dabei alle Möglichkeiten des islamischen Rechts aus, um den Menschenrechten von Religionsfreiheit und Gleichberechtigung der christlichen und jüdischen Staatsbürger mit den Muslimen möglichst nahe zu kommen.

Europäisierer Atatürk warf dann den ganzen islamischen Anspruch einer totalen Religion über Bord, die alles und jedes regelt und vorschreibt. Seine Verdienste von Atatürk um die türkischen Frauen, das Bildungswesen, den sozialen Fortschritt sind unableugbar. Aber das war eben kein Wandel des Islams, sondern eine Zurückdrängung des Islams mit europäischen Vorstellungen.

Für die Atatürk-Ära und ihre Epigonen bis in die 1950er Jahre hinein war also von einem „Scheinislam“ die Rede. Seither geht es von einem Ministerpräsidenten Süleyman Demirel bis zu Regierungs- und Staatschef Tayyip Erdogan darum, dem traditionellen Islam wieder zu seinem Recht zu verhelfen. Bisher wurden zwar noch nicht die Gesamtgültigkeit der Scharia, aber viele ihrer Einzelbestimmungen wieder eingeführt (z.B. Alkoholverbote) oder zugelassen, vor allem die Verhüllung der Frauen. Ideologisch steht die neue Türkei einem Islamischen Staat näher als unserem Europa. „Erdogans AKP ist der türkische IS!“ erklärte am Sonntag Salahettin Demirtas von der Minderheienpartei HDP.

Ökumenisches Glaubensbuch der türkischen Christen

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Von Heinz Gstrein

Istanbul. Als Meilenstein auf dem Weg zu einer gemeinsamen Stimme der Christen in der Türkei der muslimischen Mehrheit und dem von ihr getragenen Staat gegenüber bezeichnete auf Weihnachten der armenisch-apostolische Patriarchalvikar Aram Atesyan das neue ökumenische Glaubensbuch „Das Christentum und seine Grundsätze“. Es wurde in Istanbul im Namen aller Kirchen von der Türkischen Bibelgesellschaft vorgestellt. Es soll als Grundlage für den Unterricht an den staatlichen Schulen der Türkei dienen. Die Verschiedenheit der christlichen Kirchen und Lehrmeinungen ist seit eh und je einer der Haupteinwände gegen das Christentum von islamischer Seite. Zum ersten Mal seit dem 5. Jh., als im Orient die ersten Spaltungen einrissen, haben sich die Christen in der heutigen Türkei wieder auf eine gemeinsame Grundsatzerklärung geeinigt.

Das knapp 100seitige Werk in türkischer und englischer Sprache geht auf eine Initiative des armenischen Patriarchen von Konstantinopel, Mesrob II. Mutafyan, und des Präsidenten der Vereinigung Protestantischer Kirchen in der Türkei zurück, Pastor Behnan Konutgan. Ihr schlossen sich die griechisch- und syrisch-orthodoxe Kirche sowie die römischen und orientalischen Katholiken an.- Mesrob konnte die Verwirklichung seines Anliegens aus dem Jahr 2002 erleben, sich aber nicht mehr darüber freuen, da er seit längerer Zeit im Koma liegt.