Regime Erdogan hat sich wieder gefestigt. Türkische Christen erhoffen Fortführung ihrer Wiedergutmachung.

ERDOGAN

Von Heinz Gstrein

Istanbul. Allen Prognosen zum Trotz hat die langjährige türkische Regierungspartei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) bei den Parlamentswahlen vom 1. November ihre im Juni verlorene absolute Mehrheit zurückgewonnen. Dennoch gibt es weder im Kreis von AKP-Obmann und Interimsregierungschef Ahmet Davotoglu und schon gar nicht im Prunkpalast von Präsident Tayip Erdogan  fröhliche Mienen: Erklärtes Wahlziel war nämlich eine Zweidrittelmehrheit, um die Verfassung der Republik Türkei in Richtung eines ziemlich autoritären Präsidialstaates zu ändern.

Besonders lange Gesichter zogen die türktümelnden Ultrachauvinisten und Christenfresser von der „Partei der nationalistischen Bewegung“ (MHP). Sie ist von über 16% um ein Viertel zurückgefallen und hat auf Grund der Wahlarithmetik fast die Hälfte ihrer bisher 80 Sitze eingebüsst. Das kam genau als Folge der Zweiteilung dieser rechtsextremen Gruppierung, nachdem Davutoglu im Sommer den Sohn von Parteigründer Türkesch auf die AKP-Seite ziehen konnte.

Auch die Minderheitenpartei „Völker der Türkei“ (HDP), die sich neben den Kurden vor allem der armenischen, syrischen und griechischen Orthodoxen annimmt, musste empfindliche Versluste einstecken. Während der Stimmenauszählung lag sie sogar ein paar mal nur gefährlich knapp über der 10-Prozent-Hürde für den Einzug in die „Große Türkische Nationalversammlung“. Im Juni hatte sie das mit über 13% locker geschafft. Dieser Rückgang ist zweifellos eine Folge der massiven Einschüchterungskampagne des Regimes Erdogan in den letzten Wochen und Monaten. Es wurden nicht nur im mondänen Istanbul kritische Jourmalisten verfolgt und ganze Verlagshäuser geschlossen – im türkischen Kurdistan waren Gendarmerieknüppel und Militäreinsätze am Werk, um den Menschen das „richtige“ Wahlverhalten einzutrichtern. Der Wahlvorgang als solcher konnte dann recht ordentlich über die Bühne gehen, wie das jetzt auch die internationalen Beobachter bestätigen. Unter diesen Umständen ist es ein Erfolg für die Noch-Demokratie und Rest-Religionsfreiheit in der Türkei, dass diese Partei der Kurden und anderen Minderheiten überhaupt wieder ins neue Parlament einzieht.

Für die größte Oppositionspartei der Volksrepublikaner (CHP) hat es sich weiter gelohnt, dass sie von ihrem allzu lang ebenfalls ultranationalistischen Erbe abgerückt ist. Schon am 7. Juni hatte sie auch armenische sowie syrisch-christliche Kandidatinnen und Kandidaten aufgestellt, was ihr Stimmgewinne eingebracht hatte. Dieser Trend hat sich jetzt mit weiteren leichten Zugewinnen um zwei Sitze fortgesetzt.

Dennoch blieb die CHP weit davon entfernt, eine ernsthafte Alternative zur islam-lastigen AKP auf die Beine zu stellen. Die Partei Erdogans beharrt ungeachtet aller Skandale und demokratischen Mängel als die in der Türkei bestimmende politische Kraft. Dasselbe gilt für Tayip Erdogan trotz seiner Sultansallüren und aller verbalen Großmannssucht: Wie man zu ihm auch stehen mag, er ist und bleibt einfach der seit Atatürk bedeutendste türkische Staatsmann.

Die Christen der Türkei haben daher sofort ihre Anliegen und Wünsche an die alt-neue Regierung des Gespanns Erdogan-Davutoglu deponiert. Besonders präzis tut das die „Ökumenische Vereinigung der Konstantinopler“ (ÖVK). Sie vertritt mit dem Segen des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. die Interessen der maximal noch 5 000 Griechisch-Orthodoxen in Istanbul und Umgebung sowie auf den Inseln Imbros und Tenedos. Als sie 1923 mit dem Frieden von Lausanne ausdrücklich geschützt wurden, zählten sie noch um die 130 000 Seelen. An und für sich nur ein Rest der über 2 Millionen, die während oder im Gefolge des Ersten Weltkriegs in der Sultans-Türkei massakriert oder vertrieben wurden. Aber auch die übrig gebliebene kleine Schar war den Machthabern der neuen Türkischen Republik noch zu groß: In der Zwischenkriegszeit wurden den griechisch-orthodoxen Christen (türkisch: rum) 20 ihrer gängigsten Berufe vom Handelsvertreter bis zum Barbier verboten und zahlreiche kirchliche Stiftungen enteignet. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Männer zwischen 18 und 45 Jahren zur Zwangsarbeit eingezogen und allen Griechisch-Orthodoxen so gut wie unbezahlbare Steuern auferlegt. Das führte zur Beschlagnahme ihres Besitzer. Die schon damals bedrohte Theologische Hochschule von Chalki konnte vorerst nur dadurch gerettet werden, dass das Patriarchat ein Marienkloster auf derselben Insel der türkischen Marine-Akademie zur Nutzung übergab. Im September 1955 veranstaltete die damalige Regierung Menderes ein schreckliches Christenpogrom, im Jahr 1964 wurden an die 20 000 Männer – unter ihnen zwei Bischöfe – aus der Türkei deportiert. In der Folge von dem allen befanden sich zum Ende des 20. Jahrhunderts  98% der türkischen „Rum“ im Exil, meist in Griechenland, aber auch in Deutschland. Österreich und der Schweiz.

Einen spürbaren Wandel zum Besseren gab es erst unter Ministerpräsident Erdogan zwischen 2003 und 2013; Enteigneter Kirchenbesitz wurde zurückerstattet, einzelnen Griechisch-Orthodoxen die Rückkehr erlaubt. In einer administrativen Verordnung wies der damalige Regierungschef alle Behörden an, die üblichen Schikanen gegen Nicht-Muslime und besonders orthodoxe Christen einzustellen. Es blieb aber bei zu wenigen und oft nur halben Maßnahmen, um die versprochene Wiedergutmachung tatsächlich zu verwirklichen. Die politische Krise der Jahre 2013-2015 tat ihr übriges, um den christenfreundlichen Kurs des inzwischen ins Amt des Staatspräsidenten aufgestiegenen Erdogan auszusetzen.

Jetzt erhofft und fordert die „Ökumenische Vereinigung der Konstantinopler“ weitere Rehabilitierungsschritte. So eine Freigabe der blockierten Vorstandswahlen bei allen kirchlichen Stiftungen, kulturellen und wohltätigen Einrichtungen. Weiter Erleichterung zur Rückkehr von „Rum“, die ihre türkische Staatsbürgerschaft verloren haben, durch Ausstellung „blauer Karten“ zur Aufenthalts- und Arbeitsberechtigung. Vor allem aber, dass die Theologische Hochschule von Chalki nach bald 45 Jahren ihrer Schließung durch die türkische Obrigkeit den Studienbetrieb endlich wieder aufnehmen darf. Verhandlungen darüber mit der neuen Regierung sollen sobald wie möglich beginnen.

πηγή KNA

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